Ausgabe 
(21.11.1896) 49
 
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Krankheit zu genesen, an das Gestade des Todtenflusseszu seinem Ahnen Schamaschnapitschtim, mit dem Bei-namen AdrahasiS oder Hasisadra. Der letztere erzähltdort dem ersteren die Flut als selbst erlebtes Ereigniß.Der babylonische Bericht beginnt also mit einem Poetisch-Mythologischen Abenteuer, während der biblische Berichtsich als rein historische Erklärung ohne allen poetischenBeisatz einführt. Dieser Unterschied zieht sich durch denganzen Bericht hin und zeigt sich besonders in der poet-ischen Ausführung der Einzelheiten. Der biblischeBericht ist allerdings auch breit, aber seine Breite beruhtauf der wiederholten Erzählung derselben Thatsachen,was eben auf die Zusammensetzung des Berichtes zurück-zuführen ist. Wenn man aber von diesen dadurch be-dingten Wiederholungen absieht, so ist der biblische Be-richt eine schlichte historische Erzählung ohne poetischeAusschmückungen, während die babylonische Dichtung inpoetischer Weise beschreibt,, wie dunkles Gewölk vomGrund des Himmels sich erhebt, in dessen Mitte derSturmgott seine Donner sprechen läßt. ...Die Götterdes großen unterirdischen Wassers bringen gewaltigeFluten herauf, die Erde lassen sie erzittern, des Sturm-gotts Wogenschwall steigt bis zum Himmel, alles Lichtward verwandelt in Finsterniß. Die Göttin Jstar schreitwie eine Gebärende und ruft:So ist denn alles inSchlamm verwandelt, wie ich cs den Göttern prophezeit.Ich aber gebäre meine Menschen nicht dazu, daß sie wieFischbrut das Meer erfüllen." Da weinten die Göttermit ihr über die Geister des großen unterirdischen

Wassers.Ich aber durchfuhr das Meer, laut

klagend, daß die Stätten der Menschen in Schlamm ver-wandelt waren, wie Baumstämme trieben die Leichenumher. Eine Lücke hatte ich geöffnet, und als ich dasLicht des Tages erblickte, da zuckte ich weinend zu-sammen . . . Aehnlich würde auch heute noch einDichter die Sintflut beschreiben, wenn er den biblischenBericht in poetisches Gewand kleiden wollte. Der baby-lonische Bericht enthält nur mythisch-abenteuerliches Bei-werk mit poetischer Bearbeitung der Ereignisse, der bib-lische Bericht ist ohne solches Beiwerk, einfach, schlicht,rein historisch referireud. Deßhalb ist vom Standpunkteder Kritik aus der biblische Bericht der ältere und ent-hält die Originalschilderung der Flut, wahrend in derbabylonischen Tradition im Laufe der Zeit Erweiter-ungen hinzugekommen sind. Diese Annahme allein ent-spricht den Grundsätzen der Kritik, von denen freilichmanche meinen, sie dürften nur gegen die Bibel ange-wendet werden.

Ort der Flut. Im biblischen Bericht ist derSchauplatz der Flut nicht näher bestimmt; es wird vonihr betroffen: ka-aäain da-ares, der da vernichtet werdensoll mcuü xone dn-rräamati. Lros und aclamast sindnun 1) Iiurnu8, 2) aZsr, 3) tarra, roZio.Wie nun tarra. im Lateinischen sowohl Erde als Landbezeichnet, so auch ere? und aäamnlr im Hebräischen.Es kann also übersetzt werden, daß der Mensch aufErden vom Angesichts der Erde vertilgt werden soll oderaber die Bewohner des Landes, jenes Landes nämlich,welches von Noe bewohnt, aber nicht naher bezeichnetwird. Die letztere Uebersctznng ist wohl als die richtigeanzusehen. Zn der jüdischen Tradition ist also die Er-innerung an den Namen des Landes verschwunden, wasauf das hohe Alter der Tradition hinweist, zugleich aberauch auf die Unversehrtheit derselben, während bei derMiauen babylonischen Ortsbcstimmuiia ein Zusammen-

werfen späterer Ereignisse mit dem Flutberichte zu ver-muthen ist. Hier wird nämlich als Ort der Flut dieStadt Surippak am Euphrat angegeben. Dies ist einsehr verdächtiger Umstand, besonders wenn wir nochhinzunehmen

Die Art der Entstehung. Die Flut wird nachdem babylonischen Berichte zurückgeführt auf Wirbelwind,Ueberströmen der Kanäle , Donner, gewaltige Fluten,welche die Götter des großen, unterirdischen Wassersherausbringen, Erdbeben. Hier ist offenbar eine mitWirbelwind, Gewitter, durch Stauung der Flüsse er-folgtes Ueberströmen derselben verbundene Erdbebenflutbeschrieben, welche vom Meere herkam, die Euphrat -niederungen überschwemmte und die Stadt Surippak zer-störte. Hier liegt nichts näher als die Vermuthung, daßdie Originalüberlieferung später mit lokalen Naturereig-nissen, also mit einer Erdbeben- oder Sturmflut, zu-sammengeworfen wurde, sei es nun, daß diese Ver-schmelzung allmählig geschehen, oder daß der babylonischeDichter einfach bekannte Erscheinungen bcnützt hat, umdie Einzelheiten der Sintflut näherhin auszumalen. DieseAnsicht wird dadurch unterstützt, daß es im babylonischenBericht zuerst heißt, daß am siebenten Tage sich die Flutlegte und das Meer in sein Bett sich zurückzog. Dannaber wird berichtet, wie Hasisadra das Meer durchführt:Ueber die Länder, jetzt ein furchtbares Meer, fuhr ichdahin, da tauchte Land 12 Maß hoch aus. Nach demLande Nizir steuerte das Schiff. Der Berg des LandesNizir hielt das Schiff fest." Wie wollte aber Hasisadraüber die mit Meer bedeckten Länder-fahren, nachdem dasMeer bereits in sein Bett zurückgetreten und Sturm undFlut aufgehört hatten? Dieses Fahren über die mitMeer bedeckten Länder weist auf den ursprünglichen, mitdem biblischen Berichte identischen Kern der Erzählunghin, welcher zu der erst später herangezogenen, aus Er-fahrung bekannten Sturmflut nicht mehr paßt. Die An-nahme einer in Babylon erfolgten lokalen Färbung desursprünglichen Berichtes gewinnt endlich noch dadurch anBerechtigung, daß Franz v. Schwarz in seinem BuchSintflut und Völkerwanderungen" wie er wenigstensmeint denunumstößlichen Beweis" liefert, daß dieKatastrophe, welche den Simflutsagen zu Grunde liegt,gar nicht am Euphrat , sondern in Ccntralasien, und zwarin Turkcstan, stattgefunden. Mir wollen kein vorschnellesUriheil über die Beweisführung von Schwarz abgeben,sondern die definitive Stellungnahme maßgebender Kreiseabwarten. Soviel aber ist jedenfalls sicher, daß v. Schwarzgewichtige Gründe für seine Ansicht und damit gegen dieVerlegung der Sintflut an den Euphrat angeführt unddadurch unserer obigen Beurtheilung des babylonischenBerichtes eine bedeutende Stütze gegeben hat. Dagegenist der biblische Bericht über die Entstehung der Sint-flut frei von jeder lokalen Färbung. Die Flut wirdhier aus Regen und das Aufbrechen der Brunnen dergroßen Tiefe (Abgrund, Flut, Meer) zurückgeführt. Dieseallgemeine und Lheilweise unbestimmte Angabe deutetdarauf hin, daß jeder Versuch, die in Folge der langenZeit abgeblaßte Erinnerung durch lokale Ereignisse aus-zufüllen und auszuschmücken, peinlichst vermieden wurde.Dies alles zeigt, daß wir im biblischen Berichte dasOriginal zu erblicken haben, welches in der babylonischenTradition durch spätere, an örtliche Ereignisse sich an-knüpfende Zuthaten gefälscht worden ist.

Betheiligung göttlicher Kräfte an derFlut. Nach dem biblischen Bericht beschließt Jahve,