Ausgabe 
(21.11.1896) 49
 
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die Bewohner des Landes wegen ihrer Sündhaftigkeitdurch eine Flut zu vernichten. Jahve verkündet aberNoe ob seiner Frömmigkeit die Flut vorher und gebietetihm eine Arche zu bauen, in welcher er gerettet werdensoll. Nach der Flut verläßt Noe die Arche, bringt Gottvon den reinen Thieren ein Dankopfer dar, und Gottverspricht, daß er kein solches Strafgericht mehr sendenwerde; er schließt einen Bund mit Noe und seinen Nach-kommen (der eben in diesem Versprechen besteht), undNoe wird der Stammvater vieler Völker. Hier fehltalso wieder jede phantastische Ausschmückung, und dereinfache Gottesbegriff ist vorhanden. Nach dem babylon-ischen Berichte nun trieb die Götter zur Anrichtung einerFlut ihr Herz an. Die Götter beschlossen eine solche:ihr Vater Amu, ihr Berather Bei, ihr Führer Ennuzi.Der Gott Ea aber verkündet Hasisadra den Beschluß derGötter.Sie wollen vertilgen den Samen des Lebens;darum erhalte du am Leben und bringe hinauf Samendes Lebens von jeglicher Art auf das Schiff, das duerbauen sollst." Nach der Flut bringt Hasisadra gleich-falls ein Opfer dar und errichtet einen Altar auf demGipse! des Berges. Die Götter erscheinen nun in Folgedes Opfers und gerathen in Streit über die Sintflutund ihre Folgen. Bel ist aufgebracht und will keineSeele entkommen lassen; er will auch die Geretteten ver-nichten. Ea beschwichtigt ihn und verlangt, daß keineSintflut mehr stattfinde. Bel gibt sich zufrieden underhebt den frommen und weisen Hasisadra unter dieGötter. Hier zeigt sich ganz deutlich die spätere De-gcnerirung des ursprünglichen, in der Bibel enthaltenenBerichtes. Der einheitliche Gottesbegriff hat sich hieraufgelöst in polytheistische Anschauungen, welche, aus-gehend vom Begriffe einer höheren göttlichen Kraft, diesebesonders mit Anlehnung an die Naturereignisse in dieverschiedensten Kräfte zerlegen, jeder derselben einen be-sonderen Namen und zuletzt ein eigenes persönliches Wesenunterschieben: also im biblischen Berichte Original, imbabylonischen eine spätere Entwicklungsform des Berichtesim Sinne polytheistischer Ausartung. Mit diesem poly-theistischen Moment sehen wir iw babylonischen Bericht zu-gleich eine herabwürdigende Vermenschlichung des Gottes-begriffes verbunden. Indem Ea Hasisadra die Flut ver-kündet, ist bereits ein Gegensatz zwischen ihm und denandern Göttern construtrt, der dann auch zum Ausbruchekommt und in Streit ausartet beim Opfer nach der Flut,wobei Bel schließlich von Ea beschwichtigt wird. DaßGott die Schlechten bestraft, einige Gerechte aber rettetund dann verspricht, nicht wieder eine solche Flut zusenden, ist der zu Grunde liegende, verborgene Kern dieserSchilderung. Allein der Begriff von einem gerechten undzugleich barmherzigen Gott, der sich in diesem Gedankenansspücht, ist dem babylonischen Berichte unbekannt. Alser abgefaßt wurde, hatte sich unter diesem Volke der reineGottesbegriff längst zersetzt. Man suchte Erklärung dafür,daß einige Menschen der Flut entrinnen konnten, obwohldie Götter selbst die Flut angerichtet, und man kann sienur in einer auf der Vermenschlichung des göttlichenWesens basirenden Zwietracht finden. Das moralischeElement, welches in der Bibel »«verhüllt in den Vorder-grund gestellt wird, taucht im babylonischen Berichte erstam Schlüsse deutlicher wieder auf, aber in einer Weise,welche gleichfalls auf tiefen Verfall der Religion hin-weist: der fromme Hasisadra wird unter die Götter er-hoben. Hieraus geht wieder die spätere Abfassung deruns vorliegenden Form des babylonischen Berichtes und

die Priorität der noch den ursprünglichen, reinen Gottes-begriff enthaltenden biblischen Tradition klar hervor.Allerdings wird vielfach behauptet, daß sich der mono-theistische Gottesbegriff erst aus dem polytheistischen herauS-entwickelt habe. Allein dieser willkürlichen Theorie stehtdie Thatsache gegenüber, daß die Zahl der Götter beiden Völkern nie abgenommen, sondern zugenommen hat,daß sich ferner unter all dem Wust polytheistischer Fa-beln nicht selten eine mehr oder minder erblaßte Er-innerung an ein höchstes Wesen findet. Es kann auchnicht behauptet werden, die Juden hätten den babylon-ischen Bericht nach ihrem Gottesbegriffe umgemodelt.Eine solche Entlehnung aus fremden Mythologien ist beiihnen ganz undenkbar und durch 5>in einziges Beispielerweisbar. Denn keine Mythologie eines andern Volkesdürfte so sehr aller fremden Einflüsi- bar erscheinen, wiedie Geschichte des jüdischen Volkes. Dann haben dieJuden ihre heiligen Bücher anf's allersorgfältigste vorjeder Fälschung bewahrt. Wenn sie von Zeit zu Zeitetwas aus fremden Religionen herübergenommen haben,so haben sie dies nie mit ihrem Gottesbegriff in Ver-einigung zu bringen gesucht, sondern entweder den Glaubenan ihren Gott aufgegeben oder diesen nur äußerlich undformell weiter bestehen lassen, ohne aber das eine mitdem andern zu vermischen.

Wenn wir all diese Momente zusammenfassen, soerscheint als die einzig berechtigte Annahme, daß derbiblische Bericht der ältere und mit dem Originalberichtjedenfalls inhaltlich identisch ist, daß dagegen der baby-lonische zwar aus derselben Quelle hervorgegangen, aberwährend der polytheistischen Ausartung der babylonischenReligion in diesem Sinne verändert, nach örtlichen Er-eignissen wie Sturmfluten umgestaltet und mit poetischenSchilderungen und Ausschmückungen versehen ist. Er istdaher in seiner vorliegenden Gestalt viel jünger als diedem mosaischen Berichte zu Grunde liegenden U bcr-lieferungen. Ob er direct aus den im biblischen Berichtenthaltenen Traditionen geschöpft oder ob beide aus einund demselben Originalbericht hervorgegangen, läßt sichnicht entscheiden. Für die letztere Annahme liegt eisstichhaltiger Grund kaum vor.

Vor Jahrhunderten.

Von A. Zottmann.

Was in längst vergang'ncn JahrenGroßes ist gcschch'n,

Heute noch wir gern erfahrenUnd im Geiste wiederseh'n.

In einer Zeit, welche gar oft ganz unsinnige undnichtssagende Jubiläen feiert, ist es gewiß am Platze,diesen unzähligen kleinlichen Erinnerungen gegenüber,wirklich bemerkenswerthe Ereignisse aufzufrischen undnichr merkwürdige hundertjährjge Gedenktage von solchenPersonen und Ereignissen ohne jegliche Notiznuhme vor-übergehen zu lassen, welche wohl werth sind in unseremGeiste neu aufzuleben. Da unser gegenwärtiges Jahr1896 eine so stattliche Anzahl derartiger Tage, wiewenige andere, auszuweisen hat, so sei es gestattet, diebedeutenderen derselben in Kürze vorzuführen.

96.

Der erste sechSnndneunziger Jahrgang unserer Zeit-rechnung versetzt uns zurück in den von Gold und Mar-mor erstrahlenden, großartigen Kaiserpalast der römischenImperatoren auf dem Palatin zu Rom . Eben wüthet! die zweite große Christenverfolgung, und Kaiser Domitian ,