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guten Theil der Modernen Literatur. Ein schriftstellerischerWortführer der Modernen , Edg. Steig er stellte alsProgramm auf: „Die menschlich- Gesellschaft und ihreVerhältnisse müssen in ihrer ganzen Breite vorgeführt,die geheimen Fäden, die sich von Vater auf Sohnund Enkel fortspinnen, überall aufgedeckt, und jede be-sondere Eigenart des Individuums muß als gesetz-mäßiges Produkt bekannter Faktoren nachge-wiesen werden. Eine solche Analyse hat ÄhnlichkeitMit der Thätigkeit eines Anatomen; der Wahrheitstrieb,der hier den Künstler beseelt, darf vor keiner Häßlich-keit und Verworfenheit, auf die er stößt/zurückschrecken.Und so wenig wie der Chirurg bei einer lebensgefährlichenOperation, darf der realistische Sittenschilderer sich vonMitleid und menschlicher Theilnahme hinreißen lassen.Die Gesellschaft ist das anatomische Prä-parat, das er secirt. Er will nicht strafen und bessern,er will nur die Wahrheit sagen, ob sie nun luftig odertraurig, angenehm oder peinlich sei."
Bei den „geheimen Fäden" denken aber unsre Mo-oernen nur an die schlechten Eigenschaften, an Lasterund Krankheiten, während im Leben glänzende Eigen-schaften, Tugend und Gesundheit sich mindestens ebensohäufig vererben. Zudem ist das Wie der Vererbungselbst der Wissenschaft bis zur Stunde noch eine tarrnineoZnita. Ein Psychiater sagt: „Wir wissen kaum
annähernd, wer vererbt, nur ungenau und durchaus un-zulänglich, was alles vererbt, und nur zum allergeringstenTheile endlich, wie vererbt wird." Mit einer solchenTheorie ist nicht mehr der Held die Hauptsache, sondernseine Umgebung, sein „Milieu", dem er nicht entrinnenkann. Und die Handlung steht sich abgelöst durch dieStimmung. Nach der „modernen" Lehre von der erb-lichen Belastung wird Einer Verbrecher, so wie ein Andererkurzsichtig oder hinkend wird. Die Tragik des Wollen?verwandelt sich also in eine Tragik des Werdens undVergehens. An Stelle der Schuld tritt jetztwieder die Schickung, das Verhängniß, unddamit nähert die naturalistische Bühnendichtung sich demantiken Schicksalsdrama, oder wie es in Schillers Prolog zum „Wallenstein " heißt:
„Sie sieht den Menschen in dcö Lebens Drang
Und wälzt die größ're Hälfte seiner Schuld
Den unglückseligen Gestirnen zu."
„Fürwahr, ,es ist der Weg des Todes, den wirtreten", wenn es nicht mehr Freiheit, sondern Noth-wendigkeit ist, die das sittliche Handeln bestimmt, wenndas Schicksal, das einst die Götter verhängten, in Gestalteines starren Naturgesetzes wiederkehrt, an dem der mensch-liche Wille hilflos strandet." ^°) Diese von Ibsen durch
„Der Kampf um die neue Dichtung" (1889) S. 15.Verf. leitet jetzt das socialdemokratische Unterhaltuiigsblatt „DieNeue Welt" und wurde aus dem letzten Parteitag in Gotha vonLiebknecht lebhaft bekämpft. Er berief sich auf Gerh. Haupt-mann alS den größten lebenden deutschen Dichter. Mit einemAnflug von Idealismus verstieg sich Liebknecht sogar bis insklassische Alterthum und führte den Vater Homer inS Treffen,der gewisse heikle Scenen sich hinter einer Wolke abspielen lasse,während unsere Naturalisten umgekehrt daraus aus sind, demGemeinen und Häßlichen den Schleier fortzuziehen. Liebknechthält Gerh. Hauptmann keineswegs für den größten Dichter derGegenwart. Er meint, die von den krassen Naturalisten vor-gebrachten Dinge mögen wohl natürlich sein, sie seien aber auchzugleich unanständig. (Sountagöblatt der „Germania " 1896Nr. 44.)
'°) Sadger a. a. O. 143.
2 °) Blcnnerhasset a. a. O. 245 f. „Sind die Draht-puppen eines Kindertheaters interessant und vermag es uns
die Herrschaft des Bealstungsmotives in Deutschland ein-gebürgerte Richtung, der Zug zum Pathologischen, wurdebesonders drastisch ausgebildet von dem 1862 zu Salz-brunn in Schlesien geborenen Gerhärt Hauptmann.„Noch 10 Jahre solcher Poesie, und der Weg zu denkurulischen Stühlen der Dichtkunst wie der Literatur-kritik führt durch die Hörsäle der Nerveupathologie."
Hauptmann, aus pietistischer Umgebung stammend(vgl. Hanneles Himmelfahrt), hat nicht umsonst,nachdem er Zögling der Breslauer Kunstakademie ge-wesen war (vergl. College Crampton), Natur-wissenschaften studirt in Jena, und zwar unterHäckel! In seinen Erstlingsdrnmen „Vor Sonnen-aufgang " 1889 (1890 in 5. Austage), wo der alteBauer, der Stammvater des Geschlechtes, nur im Zu-stande viehischer Besoffenheit auf der Bühne erscheint alsvcrthiertes Scheusal, vor dessen unzüchtigen Griffen sichdie eigene Tochter nur mit Gewalt retten kann, und1890 im „Friedcnsfest" bewegt Hauptmann sich mitVorliebe auf dem Grenzsaum, der zwischen dem Gebietedes Seelenkenners und dem des Irrenarztes liegt.„Nervenpathologie ist der eigentliche Grund- und Eck-pfeiler aller Hauptmann'schen Dichtung. Nervenpatho-logie findet sich im Drama ebensowohl wie im Epos undin den beiden Novellen; Nerveupathologie endlich ist jenesMotiv, das in den allermeisten Schöpfungen die Haupt-,nur in den „Webern" und im „Biberpelz" eineNebenrolle spielt. ... In „Vor Sonnenaufgang "ist außer dem Alkoholismus , dem mit Hclenens Aus-nahme die ganze Familie Krause mit Haut und Haarverfallen ist, noch der stotternde Idiot Wilhelm Kahl zunennen. ... In den „Einsamen Menschen" istDr. Johannes Vockerat der gut gezeichnete Typus einesNeurasthenikers der allererbärmlichsten Sorte. . . . SeinWeib, die blutarme Käthe, ist eine echte Hysterien vonder duldenden Gattung, mit Lach- und Weinkrämpfen,nervösem Herzklopfen und Fühllosigkeit in ganzen großenKörperpartien. . . In den „Webern" kreist die Schnaps-flasche, und zwar nicht immer am Wirthshaustische allein.. . . Von einem der Weber wird erzählt, daß er bereitswahnsinnig geworden und den ganzen Tag über splitter-nackt am Bache siehe. . . In „College Crampton"wäre außer dem allezeit trunkoollen Titelhelden noch Pro-fessor Kircheisen anzuführen, der ein' höchst erregbarerNeurastheniker ist mit der Parästhsste des Ameisenlaufensim ganzen Körper. Die Fieberträume des „Hannele"gehören in das Gebiet der Amentia, der akuten hallnei-natorischen Verworrenheit, während der alte Pleschke einKretin ist mit allen körperlichen Degenerationswalen einessolchen. Im „Biberpelz" schließlich präsentirt sich einAmtsbote mit einer „alkoholisch gefärbten" Nase. . . .Das weitaus ergiebigste Material aber findet der Nerven-pathologe in der Novelle „Der Apostel" und im„Friedenssest"? 2 ) Die stoffliche Verirrung einessolchen dichterischen Schaffens vermag nichts besser zu
zu rühren, wenn eine derselben unvorsichtigerweise in derFlamme dort an der Rampe verbrennt, während die anderen,an ihren Metallsädchen hängend, ihre Luftsprünge fortsetzen?Und wird die Tragödie auf den Brettern, die die Welt be-deuten, nicht auch zum Puppenspicl? Welche Zufälle derHeredität haben denn im Geschlechte Lears zusammengewirkt,um Cordelia zu einer Schwester AutigoneS zu adeln, und sindnicht etwa Rcgan und Gonril viel mehr alö ihr sanftes Opferzu beklagen, weil ihnen Drachenblut in die Adern geträufelt,wurde?"
-1) Sadger a. a. O. 143.
dH Sadger a. a. -O. 143.