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kennzeichnen, als die Thatsache, daß an den Personender Dichtungen Ibsens und Haupimanns thatsächlich einpraktischer Psychiater klinische Beobachtungen angestellthat. Dr. I. Sadger in Wien ist es. Er sagtetreffend bei einer Untersuchung von Ibsens „Rosmers-holm":^) „DaS ältere Drama zeichnete den gesundenMenschen, wie er dachte und empfand, das moderne inseinen Helden wenigstens nur den kranken, nur Menschenmit einem zerrütteten Nervensystem, nur Leute, die vonihren Eltern her erblich belastet sind, deren Väter anchronischem Alkoholismus, an Syphilis des Gehirns, anRückcnmarksschwindsucht, an Schlagfluß und dergleichenschönen Dingen litten und starben. Der Held der älterenDichtkunst ist in der Regel der gesunde, höchst entwickelteVollmensch, der Mensch, den eine gütige Natur mitblendenden Geistesgabcn, mit warmen Tönen der Em-pfindung, mit erlauchten Gedanken und adeligen Gefühlenausgestattet. Das Beste, Edelste, Tiefstempfundene, wasder Poet durch harte Arbeit mühsam in der eigenenSeele großgcbildet, das übertrug er sorgsam auf dieLieblingsgestalten seiner Phantasie, die er noch obendreingern auf die Sonnenhöhen des Lebens erhob. ... EinDrama alten Stiles werthen und verstehen zu können,vermochte ein jeder, der auch nur ein ganz geringesQuantum von psychologischem Wissen in sich trug, einjeder, der es noch nicht verlernt hatte, rein menschlichund naturgemäß zu empfinden. Aber für die Gefühls-verwirrungs- und Scclenzerrüttungspoeste des modernennaturalistischen Dramas sind eingehende Spccialstudienüber Nerven- und Gehirnpathologie fast schon unerläßlichgeworden. . . . Eine ganze Sekte germanischer Schrift-steller, die hervorragendsten Träger der „freien Bühne"in Berlin , wieGerhartHauptmann, KonradAlberti,Karl Bleibtreu , Holz und Schlaf s trittst Hnnntj,befaßte sich mit der dramatischen Ausbeutung des Al-koholismus . . . . Eine ganze Dichtergilde lebt von derchronischen Versoffenheit ihrer dramatischen Helden! JederRausch wurde gewissenhaft verzeichnet, keine sexuelleRegung uns erspart, jede unzüchtige Bewegung ficht-und greifbar auf die Bühne gestellt." Hauptmann kenntnur passive Tragik, er hat nur Sinn für stimmungsvolleSituation, das „Milieu" ist für ihn was für andere derHeld. Wie auf Helene in „Vor Sonnenaufgang ",auf Wilhelm im „FriedenSfest" und auf Johannesin den „Einsamen Menschen" die Umgebung, wieauf „Die Weber" die Noth und die Fabrikanten, undauf „Hannele" der rohe Vater, so drücken in Haupt-manus letztem Stücke aus dem Bauernkrieg „FlorianGeyer " die Ritter auf die Bauern des 16. Jahr-hunderts. Und alle seine Helden haben einmal einenAugenblick lang ihre Sonne: Helene an Loth, Wilhelman Jda, Johannes an Anna Mahr, die Weber in ihremAufstand, Hannele in ihren Fiebertränmen von der Selig-keit und die Bauern in ihrer Erhebung. Diese Sonnegeht dann wieder unaufhaltsam unter, die Dunkelheitund der Jammer wird dichter und aufdringlicher als vor-her, und der Schluß wirft uns aus allen Träumen brutalin das Armenhaus der Wirklichkeit, in das trostlose Elendzurück. Nirgends verkündet Hauptmann dieses Leitmotivaller seiner Ethik, diesen verzweifelten Pessimismus ineinem ergreifenderen und prägnanteren Sinnbilde als in„Hanneles Himmelfahrt". Das Stück ist einetendenziöse Allegorie von Hauptmanns Lebensauffassung
») A. a. O. 162.
und mit Nichten ein naives Kinderspiel. Es kann nurim Rahmen der gesummten Dramatik des Dichters that-sächlich verstanden werden.
(Fortsetzung folgt.)
Vor Jahrhunderten.
' Von A. Zottmann.
(Fortsetzung.)
496.
Hocherfreuten Herzens schrieb der Papst Anastasius II. zu Beginn seines Pontifikates an den Frankenkönig Chlod-wig : „Wir preisen uns glücklich darüber, daß der Anfang(deines Lebens) im christlichen Glauben mit dem Anfangunserer bischöflichen Amtsführung in die gleiche Zeit zu-sammentraf. Es kann nämlich der Stuhl des hl. Petrusbei einem Ereiguiß von so großer Bedeutsamkeit nur mitTrost erfüllt werden, da er nunmehr sieht, wie die Fülleder Völker mit beschleunigtem Schritte zu ihm herankommtund im Umlaufe der Zeiten das Netz sich füllt, das der-jenige, der zugleich Menschensischer und seliger Schlüssel-träger des himmlischen Jerusalems ist, in die Tiefe zuwerfen beauftragt worden. Wir wollen das deiner Er-lauchtheit ... zu wissen thun, damit du, wenn du vondem Jubel des Vaters hörst, im Guten wachsen, unsereFreude zur Vollendung bringen und meine Krone werdenmögest, deine Mutter aber, die Kirche, frohlocken könneüber den Fortschritt eines so großen Königs, den sie erstin den jüngsten Tagen für Gott geboren hat. Sei also,ruhmvoller und erlauchter Sohn, das Wohlgefallen derMutter und werde ihr zur ehernen Säule! . . ." ^)
Es ist die Freude des Vaters über die erstgebonwTochter der Kirche, über die Bekehrung des Franken -reiches, begonnen durch den Uebertriit des Königs Chlod-wig I. zum Christenthum im Jahre 496.
Chlodwig hatte eine christliche Gemahlin, die heiligeKönigin Chlotilde. Dieser war es trotz liebevoller Auf-munterungen nicht gelungen, den Gemahl zur Bekehrungzu bringen. Da geschah es, daß er 496 bei Tolpiakum(Zülpich ?) im Kampfe gegen die Alemannen mit seinenFranken in große Noth gerieth. Jetzt flehte er — einzweiter Konstantin, wie ihn Gregor von Tours nennt —thränenden Auges zum Himmel und gelobte, Christ zuwerden, wenn er siege. Chlodwig siegte und hielt seinVersprechen. Von Bischof Nemigius, den die hocherfreuteKönigin herbeigerufen hatte, ließ er sich im Glaubenunterrichten, nachdem auch das Volk sich bereit erklärthatte, dem unsterblichen Gott zu folgen, den Nemigiuspredige. Noch am Weihnachtsfeste des nämlichen Jahresfand die feierliche Taufe in der prächtig geschmücktenNheimser Kirche statt. „Beuge dein Haupt, stolzerSrcamber," sprach Nemigius, als der König zum Tauf-becken hintrat, „verehre, was du bisher verfolgt hast,und verfolge, was du bisher angebetet hast." Als derPriester mit dem Salböl nicht durch die dichtgedrängteVolksmenge herankommen konnte, soll eine schneeweißeTaube das Oelfläschchen im Schnabel und ein Engel einmit Lilien gesticktes Banner herbeigebracht haben. DiesesFläschchen soll die berühmte Liuxulla Illiameiwis ge-wesen sein, aus welcher seit 1179 die französischen Königedie Salbung empfingen; Lilien aber wurden seitdem ihrWappenzeichen. Gleichzeitig mit Chlodwig empfingen noch8000 seiner Franken die Taufe. An dem rohen Sicambergewann die Kirche einen muthvollen Vertheidiger von ge-
'2) Briefe der Papste (Kemptner AnSg.) VII, 559—560.