Ausgabe 
(1.7.1880) 1
 
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Der Präsident wollte Einhalt thun, aber ehe er das Wort aussprach, hatte einDritter der Beklagten sich erhoben und schrie mit johlender Stimmer

Und wenns d' ihm nil z'schmutzi ivaarstUnd waars d' ihm nil z'fad,

Hätt' scho' lang dir der Teufel's- Cravatte! umdraaht.

Der Chor wollte eben wieder einfallen, daß die Fenster zitterten, als der Präsidentsich erhob und mit der Glocke heftig läutend Ruhe gebot.

Genug! genug die Sache ist genügend aufgeklärt!" sprach der ernste -Richter,obwohl er kaum das Lachen zu unterdrücken vermochte,der Anwalt des,Klägers hatdas Wort!"

Der Advokat des Oederbauern räusperte sich heftig, aber er konnte kaum sprechen,ohne in Helles Gelächter auszuplatzen, und erst nach wiederholtem Räuspern gelang esihn,, sich soweit zu fassen, Imr auf Grund des Geständnisses der Beklagten deren Ver-urthcilung zu einer Geldstrafe zu beantragen.

Diese erfolgte auch, aber froher und heiterer war noch keine Sitzung in den heiligenHallen der Themis verlaufen, als diese, denn die Beklagten hatten ja nochmal ihren Juxgehabt und der Kläger war nicht minder vergnügt, denn er hatte ja gewonnen.

Nicht wahr, Herr Doktor," sagte er zu seinem Anwalt, als sie den Gerichtssaalverließenich hatte doch Recht! Jetzt haben Sie's selbst gehört!"

Die Richter lachten noch manchen Tag beim Frühschoppen über diese lustige Ver-handlung ; der Oederbauer aber wird von nun an wohl öfter sich beim unteren Wirthe sehenlassen, denn nichts erfüllt mit gerechterem Stolze, als. ein gewonnener Jnjurienproceh

Eineeroberte" preußische Fahne.

DieAgence Havas " beschäftigte sich jüngst mit der für den 14. Juli vorgesehenen feierlichenDecorirnng der Fahne des französischen 57. Linien-Regiments (die französischen Regimenter führenjedes nur eine Fahne) und stellte die Behauptung auf, der Unterlieuienant Chabal von diesem Re-giment habe in der Schlacht von Mars-la-Tour eine preußische Fahne erobert. Hieran knüpft dieKöln. Ztg." die Bemerkung, daß dieseHeldenthat" wohl nur eineangebliche" sein könne, da diedeutsche Armee während des Feldzuges 1870/71 nur eine einzige Fahne die des 2. Bataillons des61. Infanterie-Regiments verloren habe, welche aber nicht von einem französischen Truppentheil,sondern von einer Freischaaren-Abthcilung unter Mcnviti Garibaldi unter einem Leichenhaufen gesundenwurde. Diese Bemerkung ist auch in so fern richtig, als die Eroberung einer Fahne wahrend derSchlacht von Mars-la-Tour in dem sonst gebräuchlichen Sinne dieses Wortes nicht stattgefunden hat,andererseits dürste aber auch bei dem wirklichen Sachvcrhalt den Franzosen nicht das Recht abzu-sprechen sein, die Behauptung aufzustellen, daß am 16. August 1870 ein Stück einer deutschen Fahneauf dem Schlachtfclde in ihren Besitz gerathen sei. Es kann mit dieser Fahne nur diejenige des 2.Bataillons des 3. Westfälischen Infanterie-Regiments Nr. 16 gemeint sein.

Um aber ein richtiges Bild zu gewinnen, unter welchen nähern Umständen dieser Verlust vorsich gegangen ist, erscheint es nöthig, an der Hand des Generalstabswerks dem Gesechtsmomcnt näher-zutreten, der jenen Verlust in sich schließt, zumal er ein blutiges, aber gleichzeitig eines der ehren-vollsten Blätter deS ganzen Krieges füllt.

In der fünften Nachmittagsstunde des 16. August war auf dem linken Flügel der deutschenSchlachtordnung eine schwere Krisis eingetreten, in so fern die zusammengeschossenen Bataillone der 6.Division und der zur Unterstützung herbeigeeilt«:» 20. Division in die Defensive zurückgeworfen undernstlich bedroht waren, von den frisch in die Schlachtlinie rückenden französischen Divisionen Grcnierund Cissey umfaßt zu werden. Dieser Gefahr sollte die 38. Infanterie-Brigade (Regimenter 16 und37), welche nach äußerst beschwerlichem zwölsstündigen Marsche kurz nach 5 Uhr aus Mars-la-Tourdebsuchirte, begegnen. Die beiden Regimenter, in sich zu zwei Treffen entwickelt, das 16. auf demlinken, das 57. nur 2 Bataillone stark aus dem rechten Flügel, treten den befohlenen Vormarschan und ersteigen unter heftigem Granat-, bezw. Shrapnelseuer den nächsten Höhenkamm. Waren bis