Ausgabe 
(7.7.1880) 2
 
Einzelbild herunterladen

11

stimmte ihm durch ein Neigen des Kopfes zu, dann fuhr er in seiner Erzählung fort:Ich sah auch wirklich keine Gefahr, es war am hellen Mittag und die Straße sehr be-lebt. Boguslav war ganz entzückt über diese Fußwanderung und meinte, daß er jetzterst die Schönheit der Natur genießen könne. Ich habe ihn so heiter und sorglos nochnie gesehen. Ach, es sollten seine letzten glücklichen Augenblicke sein! .... und eintiefer Seufzer preßte die Brust des jungen Mannes.

Das ist tragisch! rief der Doktor lebhaft aus, der mit immer größerer Aufmerk-samkeit zuhörte, obwohl er dabei sich noch immer mit dem Verwundeten beschäftigte.

Sie haben Recht, stimmte ihm Baron Bloomhaus zu. Das Schicksal schmettertemeinen armen Bruder gerade in dem Augenblicke heimtückisch zu Boden, als er in vollsterLebenslust am lautesten aufjubelte. Wie ein Kind sprang mein Bruder immer wiedervom Wege ab, um, irgend eine Frucht zu pflücken, die ihn gerade anlockte. Jetzt, voreinem kleinen Cypressengebüsch erblickte er die prächtige Goldblüthe einer Genista. Diewill ich für die nächste Prozession sammeln sagte Boguslav lachend und eilte hinunter.

Doktor Bernard blickte den Baron verwundert an und dieser setzte erläuterndhinzu: die goldschimmernden Genistablüthen werden gesammelt und von Balkönen undFenstern streut man sie auf die vorüberziehende Prozession.

Ah, ich bin erstaunt, daß Sie mit diesen Gebräuchen so bekannt sind! rief derFranzose.

Ich war schon einmal in frühester Jugend mit meinen Eltern in Italien , war dieruhige Antwort. Diese unschuldige Blüthe sollte meinen armen Bruder in den Todlocken, setzte Bloomhaus nach kurzer Pause hinzu. Ich hatte gar kein Arg und ließ ihnzu dem Gebüsch hinübereilen, war es doch kaum hundert Schritte vom Wege entfernt.Sorglos wollte ich seine Rückkehr abwarten und ließ meine Blicke bewundernd über dasMeer Hinwegschweifen, das die untergehende Sonne in Farben kleidete, die förmlich dieAugen berauschen.

Man merkt doch Ihre deutsche Abstammung, Herr Baron, sagte der Franzoselächelnd, denn diese Deutschen sind Alle geborene Naturschwärmer.

Ohne auf diesen Einwurf zu achten, fuhr der Andere in größerer Erregung fort:^Plötzlich wurde ich aus, meiner Träumerei durch einen furchtbaren Schrei geweckt. Ich.blickte auf die andere Seite des Weges während die beiden BH»oiten, die ihn über-fallen hatten, sich schon anschickten, ihn zu berauben. Obwohl ohne Waffen, eilte ich.sogleich Boguslav zu Hilfe. In meiner Hast stolperte ich über ein Felsstück und fiel zuBoden. Ich wollte mich wieder aufraffen, aber da hatte mich schon einer der Banditenerreicht; er warf mir eine Schlinge um den Hals und noch eh' ich Widerstand leistenckonnte, war ich gefesselt. Das war alles das Werk eines Allgenblicks. Der andere'Räuber knin jetzt auch herbei; er wollte mir mit seinem furchtbaren Knüttel, an dem^noch das Blut meines armen Bruders klebte, ebenfalls den Schädel zertrümmern und«rhob schoil seine Waffe, aber der Andere fiel ihm in den Arm. Es entstand zwischensden beiden Räubern ein Streit. Ich schloß die Augen, denn ich hatte mich bereits inmein Schicksal ergeben, als ich sie wieder aufschlug, waren die beiden Schurken plötzlichwie vom Erdboden verschwunden.

Wahrscheinlich haben sich Leute auf der nahen Landstraße gezeigt und die Räubersind dadurch vertrieben worden.

Das vermuthe ich auch, entgegnete Baron Bloomhaus. Der Bandit hatte mirmit seinem Strick den Hals so fest zugeschnürt, daß ich bald die Besinnung verlor. Achund zu welchem Leben sollte ich erwachen, um ewig den Verlust meines theuren Brudersbejammern zu müssen!

Er ist Ihnen wenigstens nicht völlig verloren, suchte der Arzt zu trösten.

Um ein Schicksol zu haben, das zehnmal elender als der Tod.

' Er wird sich seines unglücklichen Zustandes niemals bewußt werden und das mußSie über das fernere Schicksal Ihres Bruders ein wenig beruhigen.