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Lebhaftigkeit fort. Echte italienische Banditen hätten sich nicht damit begnügt, denjungen Russen zu binden, sie würden ihn einfach durch einen Dolchstich für immer beseitigthaben, denn diese im Handwerk ergrauten Leute haben die Ansicht, daß die Todtennichts mehr ausschwatzen und nicht mehr als Zeugen gegen sie auftreten. Auch denBruder des BaronS haben diese Menschen nicht todten wollen, der Schlag mit demKnüttel ist nur gleich zu heftig ausgefallen und aus allem dem entnehme ich, daß wires hier mit Dilettanten im Nüuberfache zu thun haben, die nach ihrem ersten unglück-lichen Auftreten ihre freie Kunst wieder aufgeben werden, weil sie selber fühlen, daßihnen das rechte Talent dazu fehlt. Es ist also für unsere Gegend keine Gefahrvorhanden.
Die besänftigenden Worte des Doktor Bernard verfehlten, besonders auf dieDamen, nicht ihre beruhigende Wirkung. Es wurde dazu einstimmig beschlossen, fortannur in größerer Gesellschaft seine Ausflüge zu machen und das Gespräch erhielt endlichwieder eine freiere und harmlosere Richtung, wenn es auch noch zuweilen auf den inter-essanten Russen zurücklenkte.
Die Erwartung der weiblichen Gäste im Hotel zu Sorrent sollte aber nicht erfülltwerden. Weder am nächsten noch am folgenden Tage fand sich Baron Bloomhaus iniSalon ein. Er widmete all' seine Zeit und Aufmerksamkeit seinen: unglücklichen Bruderund verkehrte mit Niemandem weiter als mit Doktor Bernard. Man fand diese brüder-liche Aufopferung bewunderungswürdig, trotzdem würden es die Damen ihm nicht ver-argt haben, wenn er nicht völlig in der Sorge für den Verwundeten aufgegangen wäre.
Da sich der russische Baron nur allein der 'Pflege seines Brudes widmete undsich von der übrigen Gesellschaft ängstlich fern hielt, so erlosch allmälig das Interessefür den jungen Mann. In einem Hotel, in dem die Gäste beständig wechseln, erregtselbst das erschütterndste Ereigniß keine dauernde Theilnahme und dein Wirth lag ohnehindaran, die schlimme Geschichte so rasch wie möglich der Vergessenheit zu übergeben. DieDienerschaft erhielt den strengsten Befehl, über den Naubanfall gegen die Ankömmlingekein Wort zu verlieren, und da Baron Bloomhaus nicht einmal daran gedacht hatte,das Verbrechen bei der Behörde zur Anzeige zu bringen, so trat die ganze Angelegen-heit schon nach wenigen Tagen in den Hintergrund.
Der Kunst des Doktors Bernard gelang es wirklich, das Leben des jungen Russenzu retten, ja seine Genesung machte in kurzer Zeit außerordentliche Fortschritte. Dagegenbestätigte sich auch zum großen Schmerz des BaronS seine erste Aussage völlig, derGeist des armen Boguslav blieb umhüllt, das klare Bewußtsein des Unglücklichen kehrtenicht mehr zurück. Der Aermste konnte mit Mühe einige unzusammenhängend«: Wortelallen und aus seinem ganzen Wesen und Benehmen ging deutlich sein völliger Blöd-sinn hervor.
Selbst für Doktor Bernard, der als Arzt an furchtbare Scenen gewöhnt war,hatte es etwas Ergreifendes, wenn der Baron sich dicht vor seinen Bruder hinstellte,ihm zärtlich ins Auge blickte und dann mit weicher, lhränenerstickter Stimme fragte:Boguslav, erkennst Du mich wirklich nicht? Erkennst Du Deinen lieben Gregor nichtmehr? und dieser nur ihn gleichgiltig anstarrte und mit stumpfem Lächeln seinen Blickerwiderte.
Eines Tages hatte der Baron, wie so oft, wieder diese zärtliche Frage gestelltund dabei die Hand des Bruders ergriffen. Dieser schien heute lange nachzusinnen,plötzlich mußte irgend eine dunkle Vorstellung sein armes Hirn erschrecken, denn seinGesicht verzerrte sich; er lallte ein Wort, das Doktor Bernard nicht verstand, stieß dannheftig die Hand seines Bruders zurück und suchte mit allen Zeichen des Entsetzens ausder Nähe seines Bruders zu kommen.
Sie sehen, lieber Baron, daß all' Ihre zärtlichen Bemühungen vergeblich sind, jaich fürchte, Sie regen den Aermsten nur unnütz auf, bemerkte der Arzt. Ihr Unglück^licher Bruder ist aus seinem geistigen Schlaf durch nichts mehr zu retten.