Ausgabe 
(10.7.1880) 3
 
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Das fürchte ich auch, sagte der Baron, der bei der plötzlich hervorbrechendenWuth seines Bruders erschrocken einen Schritt zurückgetreten war, aber jetzt seine Fassungschon wiedergewonnen hatte.

Ihr Bruder ist körperlich so weit hergestellt und meine Kunst ist damit zu Ende,fuhr Doktor Bcrnard fort. Das Beste wäre, ihn so bald wie möglich in eine Irren-Anstalt zu schaffen.

Wird sein Geist wirklich nie wieder erwachen ? Wird sein Bewußtsein nie so weithergestellt werden, das; er mich erkennt und sich auf die Vergangenheit besinnen kann?fragte Baron Bloomhaus tief ergriffen.

Nie, entgegnete der Arzt mit großer Sicherheit. Warum sollte ich Sie täuschenund Ihnen Hoffnungen vorspiegeln, die nie in Erfüllung gehen. Der Geist des Aermsteubleibt für immer umflort. Hier ist alle Kunst vergebens. Der Unglückliche wird aufkeinen Fall aus seinem dumpfen Zustande je wieder erwachen.

Der Baron stieß einen schmerzlichen Seufzer aus und starrte düster vor sich hin,Armer Boguslav! murmelte er leise und suchte eine Thräne zu verbergen, die ihm un-willkürlich ins Auge getreten war.

Ich kann Ihnen meine Bewunderung nicht vorenthalten, sagte Doktor Vernarb.Sie haben für Ihren Bruder eine Hingabe und Zärtlichkeit an den Tag gelegt, diemir bei Geschwistern selten vorgekommen ist; aber Sie müssen sich endlich zu tröstensuchen. Sie sind ja noch jung und das Leben fordert seine Rechte. Das beste bleibt,wenn Sie so rasch wie möglich Ihren Bruder in einer Irrenanstalt unterbringen; solange Sie ihn täglich vor Augen haben, kommen sie nicht zur Ruhe. Ich muß sonstfürchten, daß Ihr Gemüth unter diesem entsetzlichen Druck leidet. Wie leicht artet einesolch beständige Trauer in Schwermuth und zuletzt in Tiefsinn aus.

Die Ermahnungen des Arztes schienen auf den Baroff nicht ganz ohne Eindruckzu bleiben. Sie meinen also wirklich, daß ich mich von meinem Bruder trennen soll?O Sie glauben nicht, lieber Doktor, wie schon dieser Gedanke mein. Innerstes packt undmir Entsetzen einflößt.

Dennoch muß es sein, entgegnete Doktor Bernard sehr eifrig. Sie können IhremBruder nichts mehr nützen; ihn täglich zu sehen und um sich zu haben, ist für Sieeine Qual ohne Ende. Seien Sie überzeugt, der Aermstc ist in einer Irrenanstalt ambesten aufgehoben. Mir ist der Leiter einer solchen Heilstätte in Neapel bekannt. Ichwill den Kranken dahin abliefern und er wird dort die nöthige Pflege und Ruhe haben.Ueberlassen Sie mir die Regelung der ganzen Angelegenheit.

Nein, nein, ich werde Boguslav dorthin begleiten.

Sie sollten sich diese letzte schmerzliche Aufregung ersparen.

Unmöglich! Ich muß wenigstens wissen, in welche Hände er kommt, erklärte derBaron mit solcher Festigtet, daß Doktor Bernard keinen weiteren Widerspruch wagte.

Schon am anderen Tage wurde die traurige Fahrt angetreten. Der Kranke ver-hielt sich wie immer still nnd völlig gleichgiltig gegen alle äußeren Vorgänge. Mußteihm doch das Essen halb gewaltsam beigebracht werden, denn er wußte nicht mehr, wannfein Magen neuer Nahrung bedurfte und würde gewiß verhungert sein.

Die Irrenanstalt war bald erreicht; der Baron mußte sich überzeugen, daß sie füritalienische Zustände leidlich eingerichtet war, er zahlte im Voraus auf ein Jahr diePension und erhielt auf seine Bitte die Versicherung, daß seinem Bruder die sorgfältigstePflege nicht fehlen werde.

Es war noch ein ergreifender, unendlich schmerzlicher Augenblick, als BaronBloomhauS von feinem Bruder Abschied nahm. Er wollte den Unglücklichen zumletzten Mal umarmen; aber der Geistesschwache drückte sich scheu in eine Ecke und stießein so klägliches furchtbares Winseln aus, daß der Baron seine Absicht aufgeben mußte.Er warf nur noch einen unendlich liebevollen Blick auf den Bruder, dann eilte er