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das schöne Maß hinaus; aber sie wußte sich stets so geschickt zu kleiden, daß dieser
Überschuß, mit dem sie die Natur versehen, nicht geradezu störend hervortrat. Auf
Geist konnte die Fürstim nicht großen Anspruch machen; sie war sogar ein wenig be-schränkt, aber dafür besaß sie eine große Gutmüthigkeit und ihr liebenswürdiges Be-nehmen machte überall den besten Eindruck. Obgleich sie zur Wohlbeleibtheit neigte,war sie in all' ihren Bewegungen rasch und lebhaft, ein leidenschaftlicher Zug gingsogar durch ihr ganzes Wesen; sie konnte leicht aufflammen, war jedoch ebenso schnellwieder besänftigt.
Wohl war die schöne reiche Wittwe von zahlreichen Bewerbern umschwärmt worden,aber seit dem Tode ihres ersten Gatten waren schon acht Jahre verstrichen und nochimmer hatte die Fürstin gezögert, sich ein neues Eheglück zu gründen. Da war plötzlichBaron Bloomhaus in Florenz aufgetaucht und der schöne, stattliche Mann hatte imSturm das Herz der Fürstin erobert. Der Baron ragte über Mittelgröße hinaus, warstark und kräftig gebaut und auf den breiten Schultern saß ein etwas blasses, regel-mäßiges Gesicht. Die blauen Augen konnten so wunderbar träumerisch blicken, dabei
besaß der Baron so einschmeichelnde feine Manieren, daß er sich alle Herzen, besondersdie der Damen, rasch gewann. Dazu kam seine tiefe Schmermuth, die- ihn noch inter-essanter machte. Niemand wußte, warum er gar so düster aussah, man hörte nur da-von, daß er den Verlust eines ihm sehr theuren Menschen tief betrauere und daß ersich vergeblich zu zerstreuen suche.
In einer großen Gesellschaft hatte Baron Bloomhaus die Fürstin Gravelli kennengelernt und acht Tage spater wurde die vornehme Welt von Florenz schon durch dieNachricht von der Verlobung der Beiden überrascht.
Man hatte kaum erwartet, daß die Fürstin noch einmal so leidenschaftlich erglühenwürde; sie war von der Persönlichkeit des Barons ganz bezaubert, der es aber auchverstand, das Herz der schönen Frau in Flammen zu setzen.
Trotzdem Baron Bloomhaus mehrere Jahre jünger war, legte er für die Fürstineine wahrhaft glühende Schwärmerei an den Tag und so erwachte auch in ihrer Brustein beinah verzehrendes Feuer. Sie war stolz und glücklich über ihre Eroberung undallen Abmahnungen ihrer Freunde zum Trotz, reichte sie nach wenig Wochen dem BaronBloomhaus ihre Hand am Altar. War sie es doch allein gewesen, die den schönenjungen Mann von seiner Schwcrmuth zu heilen vermocht hatte.
Eigenthümlich genug, hatte Baron Bloomhaus seit seinem Eintreffen in Florenz den Russen völlig abgestreift und sich als Deutscher ausgegeben. Es war nach demfranzösischen Kriege, die Italiener waren noch voll Begeisterung für die deutschen Helden-thaten und vielleicht suchte der Baron deshalb seine deutsche Abstammung in den Vorder-grund zu stellen, um sich interessanter zu machen, ja er legte sogar eine entschiedeneAbneigung gegen seine russischen Landsleute an den Tag und vermied sorgfältig jedenähere Berührung mit ihnen.
Die Fürstin hatte früher mit einer vornehmen russischen Familie, die seit Jahrenin Florenz lebte, im Verkehr gestanden, sie mußte jetzt denselben, auf den lebhaftenWunsch ihres Gatten abbrechen. Aber bist Du nicht selbst ein Russe? fragte sie ver-wundert. Graf Pawlow hat mir doch gesagt, daß die deutschen Ostsecprovinzen zuRußland gehören?
Das feine, blasse Antlitz des Barons färbte sich ein wenig dunkler und er cnt-gegnete mit einer gewissen Reizbarkeit: Leider hat der Mann Recht. Aber der deutscheAdel in den Ostsceprovinzcn ist im Grunde seines Herzens deutsch geblieben und wiewir von den Moskowitern am gründlichsten gehaßt werden, so suchen wir diesen Haßredlich zu erwidern. Zwischen dem alten, deutschen Adel, dem ich anzugehören die Ehrehabe, und den Russen liegen Abgründe, die nie ausgefüllt werden und ich besondershabe eine entschiedene Abneigung gegen alles Russische und deshalb mag ich Deinenrussischen Hrafen^nicht mehr sehen.