Ausgabe 
(17.7.1880) 5
 
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und ich sage Ihnen aufrichtig, Sie können glücklich sein das warme Herz eines selchenMannes für sich gewonnen zu haben.

Ich liebe auch meinen Gatten leidenschaftlich, entgegnete die Fürstin, in der dieheißblütige Italienerin erwachte, der eS unmöglich war, mit ihren Gefühlen zurückzu-- halten. Sie empfand es ja schon als ein Glück, daß sie Jemandem sagen konnte, wiestürmisch ihr Mann von ihr geliebt werde.

Ah, Frau Baronin, Sie glauben schwerlich, wie sehr mich ihr offenes Bekenntnißerfreut, erwiderte Doktor Bernard, Ihr Gatte verdient auch eine solche Liebe. Er isteiner der hochherzigsten, 'edelsten Naturen, die mir in meinem Leben vorgekommen sind,das hat er an seinem armen Bruder reichlich erwiesen.

Trotz ihrer Weltgewandtheit konnte die Fürstin doch ihre Verlegenheit nicht ganzverbergen, sie machte ein etwas verwundertes Gesicht, das dem Franzosen nicht entging.

Ihr Herr Gemahl hat Ihnen gewiß nicht erzählt, wie sehr er sich für seinenBruder aufgeopfert hat, das sieht seinem großen edlen Herzen ganz ähnlich.

In der That, mein Gatte hat davon geschwiegen.

Sollen Sie von mir erfahren, wie sehr wir alle Ursache haben, ihn zu bewundern,sagte Doktor Bernard. Sein furchtbares Abenteuer in Sorrent wird er Ihnen natürlichmitgetheilt haben.

Die Fürstin nickte zustimmend mit dem Kopfe. Sie mochte nicht verrathen daßihr all' diese Dinge völlig unbekannt seien und während sie vor Ungeduld brannte, jeneVorgänge genau zu erfahren, suchte sie ihre innere Gemüthsbewegung nach Möglichkeitzu beherrschen.

Warum hatte ihr Gatte niemals von jenem furchtbaren Abenteuer gesprochen, nieerwähnt, daß er einen Bruder habe? Das war doch höchst seltsam und in der arg-wöhnischen Seele der Italienerin tauchten allerlei Vorstellungen auf, die sie im tiefstenInnern beunruhigten.

Jeder Andere würde sich weit leichter in sein Schicksal gefunden haben, fuhr DoktorBernard fort. Der arme Bruder hatte nun einmal durch den schändlichen Mordanfallden Verstand verloren und die meisten Menschen, besonders wir Modernen, fassen dannsolche Dinge sehr kühl und vernünftig aus. Die Sache ist einmal geschehen, läßt sichdurch all' unsere Verzweiflung nicht ungeschehen machen und man ist heut zu TagePhilosoph genug, sich ins Unvermeidliche zu finden. Wie anders Ihr Hm Gemahl!Eine solch' ehrliche Verzweiflung, eine solch' hingebende, alles vergessende Sorge für denunglücklichen Bruder, ist mir in der Welt noch nicht vorgekommen! Das ist eine. Barm-herzigkeit, vor der ich den Hut abziehe, und der lebhafte Franzose schwenkte ehrfurchts-voll seinen eleganten Cylinder.

Von dieser Bewunderung ihres Mannes wurde die Fürstin mit fortgerissen. Ja,der Mann hatte Recht. Ihr Gatte war ein außerordentlicher Mensch und deshalballein liebte sie ihn so leidenschaftlich. Wie danke ich Ihnen, daß sie von meinem Ge-mahl mit solcher Bewunderung sprechen. Es war seine tiefe Schwermuth, die mich an-zog und die mich zu dem Entschluß brachte ihm meine Hand zu reichen. Meine Freundekonnten es freilich nicht für möglich halten, daß die Fürstin Gravelli die Gattin eineseinfachen deutschen Barons wurde Sie mußte doch wenigstens dein Franzosen sagen,welches Opfer sie gebracht und welch' hohe Stellung sie in der Welt eingenommen habe,und nach diesem Bekenntniß richtete sie ihre ohnehin impomrende Gestalt noch stolzerin die Höhe»

Doktor Bernard war höflich genug, über diese Enthüllung die größere Ueberraschungzu zeigen und indem er sich artig verbeugte, sagte er mit feinem Lächeln: eine schöneFrau steigt niemals herab, sie weiß immer ihren Gatten zu sich zu erheben.

Die Fürstin nickte ihm mit zerstreuter Miene zu; sie schien doch von dieser Ant-wort nicht ganz befriedigt und hatte dies der Arzt bemerkt, oder wollte er seinen erstenBesuch nicht ungebührlich ausdehnen? Er stand jetzt auf, um sich zu empfehlen. Darf