Ausgabe 
(17.7.1880) 5
 
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ich bitten, dem Herrn Baron zu sagen, daß ich mir schon in den nächsten Tagen dieEhre geben werde, meinen heutigen Besuch zu erneuern, und ich hoffe dann glücklicherzu sein, sagte Doktor Bernard, sich verabschiedend, und sie entgegnetc sehr verbindlich,daß ihr Gatte sich über dies Wiedersehen sehr freuen, daß aber auch der Freund, ihresMannes ihr selbst stets willkommen sein werde.

Als sich der Doktor entfernt hatte beschäftigte sich die Zurückgebliebene noch langemit dem eben Gehörten. Warum hatte ihr Gemahl niemals von seinem Bruder ge-sprochen? das war räthselhaft und doch, ihre grenzenlose Liebe wußte auch jetzt wiederüber dies eigenthümliche Schweigen einen verschönenden Schleier zu werfen. Gewißmochte seine weiche Seele an jene düstern Vorgänge nicht gern erinnert werden. Tratdoch durch die Erzählung des Doktors sein edler großer Charakter in das glänzendsteLicht. Ja, sie besaß einen herrlichen Mann. Ach, und nur der eine Gedanke zerrißihr das Herz, daß seine Liebe nicht .mehr dieselbe war, daß er sich immer mehr vonihr entfernen wollte. Warum suchte er andere Vergnügungen, anstatt, wie in der erstenseligen Zeit ihrer Ehe, an ihrer Seite zu bleiben? War sie nicht noch immer schön undhatte sie nicht all' die Gaben, einen Mann zu fesseln? Sie sah in den großenPfeilerspiegel und dort strahlte ihr das Bild einer Frau entgegen, die nach ihrem Be-dünken in dem Besitz all' der Mittel war um auch die höchsten Ansprüche eines Mannesan Frauenschönheit zu befriedigen.

Zum Glück brauchte sie auf ihren Gatten nicht eifersüchtig zu sein. Durch dieihr sehr ergebene Kammcrjungfer, die mit großer Schlauheit die Diener des Baronsauszuforschen verstand, wußte sie mit Sicherheit, Haß ihr Gatte nur dem Spiel, aller-hand Passionen ergeben war, sonst allen gefährlichen Frauenumgang mied und so fühltesich die Fürstin beruhigt und hoffte noch immer, daß der theure Mann, nachdem er diesesTreibens müde geworden, bald zu ihr zurückkehren würde.

Stürmischer als je durchwagte die heftige Leidenschaft für den geliebten Gattenihre Brust. Wo war er jetzt ?! Ach warum konnte sie ihm nicht auf der Stelle sagen,was sie in diesem Augenblick fühlte, daß sie noch immer für ihn schwärmte, ja seit demso eben Gehörten, ihn und sein großes edles Herz bewundere. Sie konnte heute dieRückkehr ihres theuren Gregor nicht erwarten und ungeduldig schellte sie nach ihremKammermädchen, das auf der Stelle erschien.

Enrichctta's ganze Persönlichkeit stand im schärfsten Gegensatz zu ihrer Herrin. Siewar klein und zierlich gebaut, beinahe mager und in der Nähe der stattlichen übervollenFürstin sah ihr Kammermädchen wie eine niedliche Nippesfigur aus. Das GesichtEnrichetta's war nicht hübsch, ihre Züge hatten einen zu scharfen Ausdruck, aber siebesaß dafür ein Paar prächtige, rabenschwarze Augen, deren wunderbares Funkeln siegeschickt hinter langen dunkeln Wimpern zu verbergen wußte, sobald sie es für noth-wendig fand und ihrer Herrin gegenüber waren ihre Blicke stets still und ruhig undohne Alles Feuer. Sie legte für die Fürstin eine außerordentliche Ergebenheit an denTag, und diese war mit ihr sehr zufrieden und schenkte ihr das vollste Vertrauen, dennsie war noch dazu die Einzige, die in ihren Diensten geblieben und sie auf all' ihrenReisen begleitet hatte.

Ist Mein Mann schon zurückgekehrt? fragte die Fürstin weit ungeduldiger alsgewöhnlich. ^

Nein, Excellenz»! antwortete das Zimmermädchen verwundert über die große Hastihrer Herrin. Sie hätte doch endlich wissen können, daß der Herr nie vor Mitternacht,meistens erst in den frühen Morgenstunden nach Hause kam.

Ich muß ihn sprechen, sobald er zurückkehrt. Sage das einmal seinem Kammer-diener. Es wäre eine sehr dringende Angelegenheit.

Das schlaue Kammerkätzchen hatte Mühe ein Lächeln zu unterdrücken. Als obder Baron sich davon noch einmal von der liebeglühenden Frau einsangen ließ!?Sie hatte ihn wohl früher damit auf einen Augenblick in ihre Zimmer gelockt, aber