Ausgabe 
(17.7.1880) 5
 
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Gegend des Ghor befinden. Die Temperatur begann bedeutend zu sinken, und zuweilenzog ein kalter Strichregen über uns hinweg. Der Tag neigte sich zum Abend, als wirvon einem kleinen Hochplateau abwärts reitend, uns zum Vadien-Nad, dem Thale desKidron, hinabließen, der hier seinen Weg zum todten Meer zwischen engen Felsschluchtenbricht. Aber nicht nur der Kidron erinnert uns daran, daß wir uns wieder der Zivi-lisation nähern, sondern noch mehr und unmittelbarer .die in den Stein gehauenen undtheilweise ausgemauerten Stufen, die entlang der Kluft des Baches emporführen, indemsie fortwährende Einblicke in die finstere schwarze Wildniß der ungeheuren, manchmalsich amphitheatralisch ausweitenden Felsenschlucht gewährt.

Endlich erblicken wir bei einer Wendung einen mächtigen viereckigen Thurm undbald darauf das burgartig in die Felsenwüste gebaute Kloster Mar-Saba, das Klosterdes heiligen Sabbas, wieder ein Stück lebendigen Mittelalters. So mochten zur Raub-Nitter-Zeit die mächtigen Klöster ausgesehen haben; vertheidigungstüchtige, starke Bestenin ihren-, Aeußern. Zwei gestufte Wege führen hinab zu zwei besonderen Pforten, dieobere für die Thiere, die untere für die Gäste. Bei der untern pochten wir, bei derobern unser Beduine und unser Diener fest eine Viertelstunde lang, die stumme Ruheder Wüste unterbrechend. Ober den beiden Pforten erhebt sich auf den mächtigenBastionen ein hoher, fester Thurm. Auf diesem steht Tag und Nacht der Thurmwart,ausblickend, was sich dem Kloster nähert. Jetzt vielleicht, weil es schon dämmerte und erNiemand mehr erwartet, schien er sich eine kleine Ruhe gegönnt zu haben, denn erstnach geraumer Zeit hören wir seinen langen Ruf von der Höhe. Man hat uns alsogehört-. Warten wir in Geduld.

Das Bild, das sich uns bietet, mag uns unterdessen beschäftigen. Hinter unseine hoch sich erhebende Felsenwand, auf dieser der Weg, den wir gekommen und dersich weiterhin gegen Bethlehem und Jerusalem wendet; von diesem herab zu den Kloster-Basteien die beiden Stufengünge; jenseits des Burgklosters die tiefe Felsschlucht desKidron, in welcher das Wasser rauscht; rechts, einige hundert Schritte abseits der Beste,ganz für sich allein stehend, ein zweiter viereckiger Thurm. Was ist sein Zweck? Wozudient er? Nachdem die strengen Regeln der Mönche nicht gestatten, daß Frauen in dasKloster treten, werden weibliche Reisende über Nacht in diesem einsamen Thurme unter-gebracht, eingesperrt und abgesperrt von der männlichen Begleitung. Das Kloster istso stark gebaut, ist durch seine Mauern und die Felsklnft so unnahbar, daß es nur mitschwerem Geschütze zu forciren wäre, und so ist es bei der großen Vorsicht, mit der diePforten geöffnet werden, gegen jeden kühnen Handstreich unternehmender Beduinen ge-sichert, Voin Beginn des Christenthums wohnten in den Höhlen dieser Felswüste zuallen Zeiten fromme Anachoreten und aus diesen bildete sich schon im vierten Jahr-hundert unter der Führung des heiligen Euthym eine größere Bruverschaft. Ein Schülerdesselben, der heilige Sabbas, stiftete aus dieser sein Kloster und erhob es zugleich zumgeistigen Mittelpunkte und zur festen Bnrg der griechischen Orthodoxie. Gegenüber denLehren der Monophysiten, den heutigen Kirchen-Kopten Egyptens , die so tief in die Ver-hältnisse des byzantinischen Reiches eingriffen, war der heilige Sabbas der Vorkämpfer,das Haupt des Dogmas von der doppelten Natur Christi. Diesem Umstände verdanktesein Kloster die reichliche Unterstützung des Kaisers Justinian , und diesem verdankt ernoch heute sein großes Ansehen und seinen heiligen Ruf in "der griechischen örthodoxenKirche. Als 614 die Perser unter Kosroes diese Gegenden verwüstend überzogen undinsbesondere gegen die christliche Bevölkerung wütheten, zerstörten sie auch das Klosterund machten seine Bewohner nieder. Im 8. und 9. Jahrhundert wiederholten sich dieseMetzeleien unter den Arabern, besonders den Söhnen Harun-al-Raschid's . Seitherwurde das Kloster festungSartig neu erbaut, seine Schütze verursachten aber immer wiederneue Naubzüge der Araber bis in unsere Zeit hinein, selbst noch 1832 und 1834. Inseiner gegenwärtigen festen Gestalt ließ es 1840 der Czar restauriren, und seitdembewohnen es die Mönche, wenn auch nicht in Frieden, so doch in Sicherheit.