Ausgabe 
(21.7.1880) 6
 
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wieder einmal einen Anfall von Schwärmerei bekommen, dann wenigstens meine nächt-liche Ruhe nicht zu stören. Es wird sich doch in dem großen Paris Jemand findenlassen, dem Sie Ihre Gefühle anvertrauen können, nur mich verschonen Sie damit.

Die Fürstin glaubte nicht recht gehört zu haben, aber noch mehr als seine Wortesagten ihr die Art und Weise, wie er sie sprach, seine ganze Haltung, das; sie sich nichtlänger über die Gefühle ihres Mannes täuschen könne, daß er sie nicht mehr liebe, javielleicht nie geliebt habe, und all' sei. früheres Benehmen nur Lug und Heucheleigewesen sei. Nun erwachte in ihr schlich die stolze vornehme Italienerin, die jetzteben so glühend zu hasten vermochte, wie sie heiß und leidenschaftlich geliebt hatte . . .Ein Zittern ging durch ihren ganzen Körper, sie vermochte nicht augenblicklich zu ant-worten, aber ihr heftig wogender Busen verrieth, daß ein gewaltiger Sturm im Anzügesei. Aus ihren dunklen Augen schössen Blitze und endlich öffnete sie die wuthzitterndenLippen, um mit bebender Stimme hervorzustoßen: Elender! Das wagst Du mir zu bieten?Und ich, die Fürstin Gravelli, die Dich aus dem Staube gezogen

Madame, Sie vergessen, daß Sie mit Baron Bloomhaus sprechen, unterbrach sieDhr Gatte, sich in die Brust werfend.

Die Worte seiner Gattin schienen ihn doch schwer gekränkt und aus seiner Ruheaufgescheucht zu haben. Meine gesellschaftliche Stellung sowohl wie mein Vermögensicherten mich davor, erst von Ihnen aus dem Staube gezogen zu werden.

Ah, prahle immer mit Deiner Baronschast! rief die Fürstin heftig. Ich fürchte,Du bist nichts als ein Abenteurer! Sie glaubte ein leises Zusammenzucken ihres Manneszu bemerken, und sie fuhr triumphirend fort: Ja, ich irre mich nicht, Du hast Dich beimir stets als ein Deut,Her ausgegeben und Doktor Bernard s-- >, daß Du aus Ruß-land seiest. Dann ist es mir freilich klar, warum Du alle Rs 'tnd so ängstlich gemiedenhast, Du mußtest beständig in der Furcht schweben, einem L,t> ^mann zu begegnen, derDich entlarvte. Sie wußte selbst nicht, wie ihr solche Vorstellungen gekommen waren,aber Haß und Wuth schienen sie plötzlich hellsehend gemacht zu haben und blitzartigwirbelten alle diese Gedanken durch ihr Hirn.

Der Baron hatt seine vornehme kühle Ruhe wieder gewonnen, die er überall gernzur Schau stellte. Du bist sehr liebenswürdig, sagte er mit leisem Spott. Ich darfvon einer italienischen Fürstin freilich keine geographischen Kenntnisse verlangen, aber eskann Dir gar nichts schaden, wenn Du endlich erfährst, daß Rußland dort oben imNorden, an der Ostsee ein Stück deutsches Land besitzt und gerade der Adel dort andeutscher Sprache und deutschen Gewohnheiten festhält und daß ich mich deßhalb mitvollem Rechte als deutscher Baron fühlen und so nennen kann.

Aber warum hast Du nie ein Wort vM Deinem Bruder erwähnt!? rief die Fürstinaus, deren einmal gefaßter Verdacht durch i-Lse ruhige Erklärung nicht beseitigt worden.Warum weichst Du allen Russen aus? Du hast irgend ein entsetzliches Geheimniß zuverbergen, vielleicht ist Dein armer Bruder nicht von fremder Hand, wohl aber

Jetzt verlor der Baron doch seine ruhige Besinnung. Das ohnehin bleiche Gesichtwurde kreideweiß, die blauen, sonst gern etwas schläfrig dreinblickenden Augen begannenzu sprühen und er stieß mit großer Heftigkeit heraus: Schweig! oder er ballte dieFaust und trat zähneknirschend, in blinder, ja grenzenloser Wuth seiner Gattin drohendgegenüber.

Sie wich nicht einen Schritt zurück und schien entschlossen, selbst einem persönlichenAngriff zu trotzen. Beide waren von gleicher Größe, nur sah die schlanke elastischeGestalt des Barons dürftig aus, im Gegensatz zu den vollen, überschwellenden Formender Fürstin. Auch in ihr war das heiße Blut der Italienerin bis zum Wahnsinn erhitztund so übersprang sie die letzten Schranken.

Wage es, Elender! mich zu berühren, bebte es von ihren wuthzitternden Lippen und mit unterschlagenen Armen stand sie hochaufgerichtet da, zur energischen Abwehrbereit.