gerathen; in ganzen großen Schichten und vielleicht im Staatswesen beginnen wir, diehohen Ansprüche des Westens mit der alten guten Indolenz zu vereinen, denn rascherkann man sich die ersteren an-, als die letztere abgewöhnen. Und hierin besteht derkritische Moment für alle orientalischen Raccn bei deren Kontakte mit der westlichenZivilisation.
Solchen Krisen sind nun diese Mönche allerdings nicht ausgesetzt, denn ihre An-sprüche sind die menschlich möglichst geringsten. Ihre physische und geistige Anstrengungbesteht kaum aus etwas Anderem, als daß sie auf den zahlreichen Terrassen des Klosterskünstlich angelegte Gemüsegärten pflegen und ihre langen Gebete verrichten. Sie besitzeneine uralte Bibliothek, aber in diese gewähren sie nicht nur den Fremden, sondern wahr-scheinlich auch sich selbst keinen Einblick. Ihre Bedürfnisse werden durch milde Spendengedeckt, die aus den griechischen Provinzen und aus Rußland kommen.
- Von diesen Kirchen begeben wir uns auf schmalen Treppen von Hof zu Hof, vonTerrasse zu Terrasse. Wo sich nur irgend ein Raum bietet, finden wir jene künstlichangelegten Gärten, in einem derselben eine schon lange nicht erblickte Palme; angeblichpflanzte sie der heilige Sabbas mit eigener Hand und ihre Datteln sollen wunderbarer-weise keine Kerne haben. Sicherlich ist die verwaiste Palme die einzige in der ganzenProvinz an sich schon Wunders genug. Aber hier in dem von dem Winde geschütztenund von der Sonne durchglühten Felsen ist die Temperatur eine bedeutend höhere alsin Jerusalem . Von den Terrassen gewinnen wir zuweilen einen Blick in die grausigwilde Schlucht des Kidron, deren Wände fast senkrecht, vielleicht 100 Klafter tief ab-fallen, so daß das Kloster durch mächtige Strebepfeiler geschützt, gleich einem Adlernesteüber ihr schwebt. Auf der gegenüberliegenden Wand der Schlucht ist das Gebirge volljener Höhen, die einst durch Annchoreten, heute nur noch von den Schakalen bewohntwerden.
Einzelne der Mönche befolgen, indem sie im Kloster wohnen, gleichzeitig dasfromme Leben der einstigen Anachoreten in feiner ganzen Strenge und wählen sich alsständigen Aufenthaltsort eine der Höhlen der in das Kloster hineinreichenden Felsen.Was nun das Wohnen betrifft, wird es hier kaum schlechter sein, als in irgend einerder Mönchszellen. Die Höhlungen und unterirdischen Räumlichkeiten haben überall be-ständig die mittlere Temperatur der betreffenden Gegend und so sind sie hier Sommerund Winter gemäßigt warm und trocken; die Luft in diesen offenen Höhlen ist sicherlicheine bessere als in den abgeschlossenen und kaum sehr gewissenhaft gereinigten Zellen.
Die strenge Lebensweise dieser modernen Anachoreten wird aber dadurch erhöht,daß sie nur von ungekochten Vegetabilien leben und mit ihren Genossen nur ausnahms-weise verkehren. Eine dieser Höhlen, welche jetzt niemals bewohnt wird, zeigt manmit besonderer Pietät. Durch einen schmalen, langen Felsgang gelangt man in denziemlich weiten Raum, aus welchem ein Loch im Felsen in eine zweite kleinere Höhlungführt. Hier wohnte einst der heilige Sabbas. „Als er einmal in seine Höhle trat,fand er einen Löwen in derselben, aber ohne Furcht verrichtete er seine Gebete undschlief ein. Zweimal zerrte ihn der Löwe aus der Höhle hinaus; endlich wurde dieSache dem Heiligen zu viel, er befahl dem Löwen, sich in die zweite kleinere Höhlungzurückzuziehen und seitdem lebten sie friedlich beisammen bis an das Ende ihrer Tage."
Nach unserer Wanderung gingen wir wieder jene zahlreichen Höfe und Terrassenherab, die sich naturgemäß bildeten, indem das Kloster an den Rand der gähnendenFelsschlucht ausgebaut wurde. Im Divan erwartete uns bereits das Abendessen. Indiesem geräumigen und reinlichen Saale ziehen sich an den beiden Längsseiten und dereinen Breitseite mit orientalischen Teppichen und Pölstern belegte Sitze entlang; in derMitte ein großer Tisch, über welchem eine Lampe hängt; rings um denselben Stühle.Hier nahm ich mein Äbendbrod, und dann legte ich mich in das einzige Bett, welchesdgs Kloster zur Verfügung hat. In der vierten Wand nämlich, befindet sich eine Nische,