bringen, ließ sich diesmal die kleinsten Einzelheiten erzählen und auch das Irrenhausbezeichnen, in das der Bruder des Barons gebracht worden und der Doktor gab bereit-willig Auskunft. Sah er doch aus ihrem lebhaften Interesse, wie sehr die Fürstin fürihren Mann eingenommen war. Ah, der Besitz einer solchen Frau war wirklich eingroßes Glück! — nun begriff er erst, warum sich der Baron so rasch in die Fürstinverliebte und sie geheirathet hatte. War sie auch über die erste Jugendblüthe hinaus,so besaß sie doch eben so viel geistige wie körperliche Vorzüge.
Mit jener liebenswürdigen Zwanglosigkeit, die Doktor Bernard eigenthümlich war,sprach er auch ohne Weiteres diese Gedanken aus und die Fürstin belohnte ihn dafürdurch ein freundliches Lächeln. Als er sich endlich empfahl, bat sie ihren Gast in sogewinnender Weise, ihr bald wieder seinen Besuch zu schenken, daß der lebhafte Franzosetrotz seines vorgerückten Alters, die schöne Frau in einer Bewegung verließ, die er langenicht gekannt hatte.
Die dunklen Augen der Fürstin funkelten beinah unheimlich, als der Doktorgegangen war. Durch ihr Hirn wirbelten die seltsamsten Vorstellungen und Gedanken.Heute hatten sie die ausführlichen Erzählungen des Arztes noch mehr in ihrer finsterenVermuthung bestärkt, daß jenen dunklen Vorgängen zu Sorrert irgend ein entsetzlichesGeheimniß zu Grunde liege. Warum hatte Gregorio nicht die Polizei angerufen, umden schändlichen Mörder zu entdecken? — Wenn er seinen Bruder wirklich so leiden-schaftlich liebte, wie er geheuchelt, dann mußte ihm alles daran liegen, daß den Ver-brecher die rächende Nemesis erreichte. Ihre hastige Frage hatte Doktor Bernard freilichebenfalls zum Vortheil des Barons beantwortet: Mein hochverehrter Freund war vondem furchtbaren Ereigniß zu tief ergriffen und erschüttert, er wollte nicht immer wiederdon Neuem daran erinnert werden und wußte schon im Voraus, daß all' dies Forschenvergeblich sein würde, denn die italienische Polizei — ist den Räuberbanden gegenüberMachtlos.
Räuberbanden in Sorrent — grübelte die Fürstin. — So viel hatte sie von ihrenFreunden gehört, daß in dieser vielbesuchten Gegend völlige Sicherheit herrschte; aberder Arzt hatte auch diesen Einwurs zu entkräften gesucht. Es war uns Allen freilichsehr merkwürdig und es läßt sich freilich nur annehmen, daß hier ein Gelegenheitsraubvorgelegen, daß ein paar Bewohner der Umgegend, nach Beute lüstern dies schändlicheVerbrechen begangen und wir Alls in Sorrent waren dieser Ansicht, hatte Doktor Bernardgeantwortet.
Ah, jetzt wußte sie wenigstens, wo sich der Bruder des Barons befand, vielleichtwar er doch aus seiner Geistesnacht noch zu wecken und konnte über jenen Mordanfallund über den wahren Charakter seines Bruders Auskunft geben. — Noch voll von denauf sie einstürmenden Gedanken, setzte sie sich auf der Stelle hin und schrieb an ihrenalten russischen Freund in Florenz , den Grafen Powlow. Sie bat um Entschuldigung,wegen ihrer damaligen unverzeihlichen Unart, aber sie habe nur dem Drängen ihresGatten nachgegeben, der einen ganz unerklärlichen Haß gegen alle Russen an den Taggelegt. Es war ihr ein Bedürfniß, ihr übervolles Herz gegen den Grafen auszuschütten,der sich immer als wahrer und aufrichtiger Freund erwiesen, und nachdem sie ihm offenben größten Irrthum ihres Lebens bekannt, den sie so bitter und furchtbar zu bereuenIhabe, bat sie ihn, sich, wenn irgend möglich, nach den näheren Verhältnissen ihres Mannesund seines Bruders zu erkundigen, denn sie wollte endlich Gewißheit haben, ob sie esMit einem Abenteurer oder mit einem wirklichen Edelmanns zu thun habe. — »SagenSie mir Alles, was Sie erfahren, ohne jeden Rückhalt, lieber Graf, schloß sie ihrenlangen, ausführlichen Brief; ich werde es ertragen, ja glücklich sein, denn es befreitMich vielleicht von Fesseln, die mich jetzt schon beinah erdrücken."
Die Fürstin wagte nicht, diesen wichtigen Brief einer Dienerin anzuvertrauen,'Uttd gab ihn selber auf die Post, und nun wartete sie voll Ungeduld auf die Antwort.Sie blieb ungewöhnlich lange aus. Erst nach mehreren Monaten traf ein Brief vom