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Grafen ein, in fieberhafter Hast erbrach sie ihn und ihre Augen irrten hastig über dasPapier hinweg, als wolle sie im Fluge von dem Inhalt des Schreibens Kenntnißnehmen. Bald begann sie langsamer zu lesen und nachdem sie damit zu Ende war,faltete sie den Brief wieder zusammen. Ihre Wangen glühten und ihr Busen arbeiteteheftig, und als sie sich jetzt ein wenig zurücklehnte und in Gedanken verloren vor sichhinstarret, spielte ein seltsames bitteres Lächeln um ihre Lippen. Dann sprang sie plötz-lich auf, ihre dunklen Augen funkelten und den Brief wie triumphirend in die Höhehaltend, wanderte sie mit hastigen Schritten lange im Zimmer auf und ab, leise undeut-liche Worte vor sich hinmürmelnd.
Was er für ein Gesicht machen wird, wenn ich ihm Das sage? begann sie endlichganz laut. Ach, ich vergaß, der saubere Patron kommt ja erst beim Morgengrauen nachHause und ich will nicht wieder die Thorheit begehen und so lange auf ihn warten.Ich werde ihm das alles schreiben, — und von diesem Entschlüsse getrieben, setzte sie sichauf der Stelle an den Schreibtisch und ihre Feder flog über das Papier. Bald hattesie den Brief beendigt, sie nahm sich nicht Zeit, ihn noch einmal zu lesen, verschloß ihnnur sorgfältig und nachdem sie ihn mit der Adresse ihres Mannes versehen, klingelte sitzihr Kammermädchen herbei.
Enrichetta erschien mit der gewohnten Pünktlichkeit. Hier ist ein Brief für meinenMann. Sorge dafür, daß er in seine eigenen Hände kommt, sagte die Fürstin undreichte ihr das Schreiben, das die Dienerin zwar schweigend, aber doch mit einigen Zeichender Verwunderung hinnahm. Sie blieb noch einen Augenblick stehen, denn sie hatte ge-hofft, daß die Fürstin, wie sonst, sich über die Absichten, die sie damit verband, offen-herzig aussprechen würde, aber als ihre Herrin kein Wort weiter hinzusetzte, verließ sieso leise und schweigsam, wie sie gekommen war, das Zimmer. In der Brust der Fürstinwogten seit dem Eintreffen des Briefes die seltsamsten Empfindungen auf und nieder.Zuweilen war es ihr, als muffe sie laut und verzweifelt aufschreien und dann hätte siewieder jubeln mögen. Jetzt konnte sie den einst so heißgeliebten' und jetzt so tief ver-haßten Menschen in's Herz treffen. — Was er wohl antworten, welches Lügengewebeler wohl erfinden würde, um das alles von sich abzuwehren?! Darüber sann die Fürstinbeständig nach.
Vergebens suchte die schlaue Enrichetta sie heut auszuforschen, als sie wieder einsDienstleistung in der Nähe ihrer Herrin rief. Die sonst so mittheilsame Frau, die ihrall' ihr zärtliches Empfinden anvertraut, blieb merkwürdig zurückhaltend und selbst dievorsichtigsten Versuche des durchtriebenen Geschöpfes, ihrer Herrin das Geheimniß desBriefes zu entlocken, blieben ohne Erfolg.
Nun gut, schweig immer dachte endlich verdrießlich die neugierige Kammerkatze;von Deinem Manne werde ich es dann schon erfahren — und ein triumphirendeSLächeln huschte heimlich über ihr Gesicht.
Die Fürstin erwartete in fieberhafter Ungeduld die Antwort ihres Mannes: aberder Morgen kam und noch hatte er nicht geschrieben. Vielleicht erschien er selbst, weiler eine mündliche Unterredung vorzog und vielleicht dann eher hoffen durfte, sie zu über-reden, und mit rafsinirtem Geschick alles zu seinem Besten zu drehen und zu wenden.Sie wollte schon feststehen und all' seiner Künsten zu widerstehen. Der Tag vergingund weder ein Brief ihres Mannes kam, noch fand er sich selbst bei ihr ein. Nuntonnte die Fürstin nicht länger an sich halten. Als Enrichetta ihr am Abend den Theebrachte, wandte sie sich mit der hastigen Frage an dieselbe: Ist der Brief auch wirklichin die Hände meines Mannes gekommen?
Ja, Excellenza, ich habe ihn selbst dem Baron gegeben, weil ich dachte —
Ganz gut und wann? unterbrach sie ihre Herrin lebhaft. ,
Heute Mittag, der Herr Baran wollten eben wieder ausführen, wie mir Jean sagte.
Und hat er den Brief sogleich gelesen? Was sagte er dazu ?
Enrichetta zögerte mit der Antwort.