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Sprich ganz ruhig, drängte ihre Herrin. Bon diesem Menschen kann mich nichtsmehr beleidigen. In ihrer Aufregung lies! sie sich zu einer Aeußerung hinreißen, diesie im nächsten Augenblick doch schon bereute.
Ah, von meiner liebenswürdigen Gattin, sagte der Baron lächelnd und steckte denBrief ruhig in die Tasche.
Jetzt verlor die Fürstin den letzten Nest ruhiger Besinnung. Der Elende! riefsie Mit wuthzitternden Lippen. Nun gut, dann soll er etwas Anderes zu lesen be-kommen! fuhr sie zorugluhend fort und ihre Augen funkelten. Ich werde mit Gewaltdie schmählichen Baude zerreißen, die mich an diesen sauberen Herrn Baron fesseln! —Sie sprang auf ruck- stürzte in höchster Aufregung durch das Zimmer. Alles klare Denkenwar aus ihrem Gehirn entwichen durch ihre Brust lobten nur die Dämonen des Hassesund der Rache. Daß er einen Brief von ihr nicht einmal des Lesens würdigte, em-pörte ihren Stolz auf das Höchste und brachte in ihr all' den Groll zum Ueberschäumen,den sie gegen ihren Mann jetzt empfand.
Wollen Excellenza nicht den Thee trinken, eh' er kalt wird? fragte Enrichetta inihrer freundlichen, unterwürfigen Weise, die mit großer.Aufmerksamkeit den Wuthausbruchbeobachtet hatte. , ^
Nein, bringe mir eine Flasche Selterwasser, befahl die Fürstin, die wohl selberdas Bedürfniß fühlen mochte, ihr kochendes, überhitztes Blut ein wenig abzukühlen.
Möchten Excellenza denn nicht einen Tropfen Wein dazu mischen? Ich fürchte dasWasser allein könnte Excellenza schaden, sagte Enrichetta und blickte voll Besorgniß aufihre Herrin, die zustimmend nur mit dem Kopfe nickte.
Das Kammermädchen blieb ungewöhnlich lange aus und die Fürstin hatte ihrenertheilten Befehl beinahe vergessen, als es endlich mit dem silbernen Theebrett zurückkam,auf welchem sich ein halb volles großes Weinglas und eine Flasche Selters befand.
Enrichetta entschuldigte ihr langes Ausbleiben damit, daß ihr der Diener nichtsogleich den rechten Wein gebracht, Execllenza brauchen heut etwas Stärkendes und solirß ich mir von dem besten Wein geben, den wir nur im Keller haben. Ich hoffe ^wird Excellenza gute Dienste thun; und sie blickte dabei voll zärtlicher Theilnahme aufihre Herrin.
Die Fürstin war heute nicht in der Stimmung, sich wie sonst für solch' treue Er-gebenheit erkenntlich zu zeigen. Ocffne rasch! sagte sie mit rauher Stimme, denn mirist's als müßte ich verbrennen.
Das Kammermädchen folgte dem Geheiß und ließ einen Theil des Selterwasserin das Weinglas brausen. Die Fürstin griff sogleich nach dem Glase und trank seinenInhalt in einem Zuge aus. Der Wein hat einen schlechten Geschmack, sagte sie sichschüttelnd.
Es ist unser echler Imoriruas Eluisti, der Diener hat es ausdrücklich versichert,entgegnete Enrichetta.
lömei'inms Ebi'ioti . . . wiederholte die Fürstin nachdenklich, plötzlich griff sie er-schrocken an ihre Brust, stieß einen leisen Schrei aus und mit dem Ausruf: Ich sterbe!sank sie zu Boden.
Aufmerksam betrachtete Enrichetta die letzten Zuckungen der bereits mit dem Toderingenden Frau. In ihrem scharfen, klugen Gesicht zeigte sich auch nicht das leisesteZeichen von Aufregung über das plötzliche schreckliche Ereignis;, im Gegentheil, schien siees erwartet zu haben. Ohne sich zu besinnen, machte sie sich mit dem Glase zu schaffen,reinigte es mit einer Serviette sorgsam und goß dann ein paar Tropfen Wasser nach.Sie that das alles so ruhig und mechanisch als ob dies zu ihren täglichen Verrichtungengehöre.
Jetzt streckte sich der mächtige, volle Körper der Fürstin noch einmal aus — einleises Röcheln und sie hatte aufgehört zu athmen.