Ausgabe 
(24.7.1880) 7
 
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Das Kammermädchen beugte sich über sie hinweg und warf einen prüfenden Blickvuf die bleichen Züge der Fürstin.

Excellenz«, was ist Ihnen? schrie sie in das Ohr ihrer Herrin und als sie keineAntwort erhielt, richtete sie sich in die Hohe und murmelte leise: Sie ist todt.

Jetzt schien doch etwas wie ein Schauder über ihren Körper zu rieseln, aber siewußte sich rasch zu beherrschen und wollte schon aus dem Zimmer eilen, da kehrte sieauf der Schwelle noch einmal um.

Da hätte ich bald etwas vergessen, sprach sie vor sich hin und klopfte sich vor dieStirn. Sie hielt den Brief so ängstlich vor mir verborgen, dahinter steckt ein Geheimniß,das muß ich wissen, vielleicht ist es mir von größtem Nutzen und rasch entschlossen tratsie an die Leiche heran, bückte sich über sie hinweg und griff in den Busen ihrer todtenHerrin. Wie kalt, murmelte sie, ein wenig zusammenzuckend, dann hatte sie schon denBrief entdeckt und zog ihn triumphirend hervor. Ihre dunklen Augen irrten über dasPapier hinweg, um seinen Inhalt zu entziffern.

Es war ein sehr langer Brief und die erste Seite erweckte ihr wenig Interesse.Der Vriefschreiber beklagte das Schicksal der armen Fürstin, er habe freilich voraus-gesehen, daß sie ihren übereilten Schritt bald bedauern würde.

Enrichctta stieß ein höhnisches Lachen aus, sie wollte schon gelangweilt den Briefwieder der Fürstin in den Busen stecken, aber sie las noch einige Zellen weiter undnun wurde sie doch aufmerksamer. Ihre Augen begannen zu sunkeln, die kleinen weißenZähne kamen zum Vorschein, und sie sah jetzt ein wie zum Katzengeschlecht gehörigesNaubthier aus, das eine Beute in Sicherheit bringt. Nun hab' ich ihn in Händen,nun ist er ganz mein! . . . preßte sie jubelnd hervor und hielt mit dem Ausdruck desgrößten Triumphes den Brief in die Höhe. Jetzt muß er mich zur Baronin machen,wie er mir versprochen hat, oder sie sprach den Gedanken nicht weiter aus, verbargrasch den Brief an derselben Stelle, an der er noch kurz vorher bei der unglücklichenFrau geruht und eilte aus dem Zimmer, schon auf der Schwelle ein lautes Jammer-geschrei ausstoßend: Zur Hilfe! O dieses Unglück! die Fürstin! und sie wies mitallen Zeichen des Entsetzens nach den Gemächern ihrer Herrin, als die übrige Diener-schaft auf ihren Hilfeschrei herbeieilte. Rufen Sie den Herrn Baron , wandte sie sich aneinen Bedienten, Excellenz« hat der Schlag gerührt, und dann folgte sie schon wiederden Anderen, um zu ihrer Herrin zurückzukehren, obwohl sie wie gebrochen hin und herschwankte.

Fortsetzung folgt.)

Im Etsch.Winkel.

Von Ernst Reiter.

Im leichten, offenen Gefährte, das uns vom Obstmarkt der alten anheimelndenBlumenstadt am Eisack, dem germanischen Florenz , hinwegführte, ging es im wunder-lieblichen Frühmorgen nun hinaus auf die breite Landstraße, dem kleinen, außerhalbBozen am Fuße hoher Bergwelt gelegenen Dorfe Gries zu, das seines vorzüglichen,vor jedem rauheren Lüftchen behüteten Klimas wegen von Brustleidenden aller Zonen,denen das kostspielige Meran versagt bleibt, hochgeschätzt und erfolgreich besticht wird.

In üppiger Thalsohle zieht sich jetzt unser Weg dahin. Im Sonnengold dessüdlichen Frühlings glitzert hier eine Welt von Thaukrystallen und bietet dem trunkenenAuge märchenhafte zaubervolle Pracht. Es ist, als ob ein mächtiger Geist seinWerde!"ausgerufen hätte über die Thäler, Hügel und Berge, Wälder und Fluren. Alles lebtund webt und athmet erfrischt, wie nach schwerem Traum neuerwachend. Helles, er-frischendes Grün sproßt da in ungezügeltem Emporwuchern allerwärts hervor zu beidenSeiten der Straße und drüben ragen hoch in den klarblauen reinen Aether des köst-lichen Tages die imposant aufstrebenden Dolomiten des weithin die Gegend beherr-