schenken Mendelgebirges. Unten im Thale , von reichlichem Busch- unk Baumwerk um-rahmt, kaun: oder nur selten dem Auge des Wanderers sichtbar, fließen sanft die Wasserder Etsch dahin und ihr gleichmäßiges Rauschen tönt oft herüber in das lärmendeSummen und in die eigenartige Poesie des alten Landstraßenlebens. Zur Rechtenstreben, den ganzen Fahrweg bis hinein in den Etschwinkel entlang ziehend, die ge-waltigen Höhen der Porphyrketten, von dunkelgrünen und tiefschwarzen Tannenwäldernbesäumt, empor, nicht selten steil und schroff aufragend in die Lüfte, gekrönt mit sagen-haften Burgen und ruinenhaften Besten. Ueber dem Felsenriß hoch oben kreist ein Geierund schlägt mit mächtigen Schwingen die Luft; der einförmige, wie melancholische Rufeines Kukuks dringt da in matteren Tönen herab aus dem Walde; die jauchzende, glück-frohe Stimme eines Burschen oder der helle freudige Gegenruf einer Maid klingt wieein heiteres, eigenartiges Morgengebet aus der freien Menschenbrust.
Alles Ungemach von winterlicher Noth und winterlicher Pein ist vergessen; durchdie in vollen Zügen wieder athmende Seele zieht ein leises Klingen, ein begeistertesStreben, ein erhebendes, wie berauschendes Fühlen und Empfinden, ein so unbeschreib-bares, beseligendes Gefühl, das so recht im innigen Einklang mit der paradiesischen Naturum uns steht.
Dort hoch oben in leuchtender Bläue, malerisch schön, weit auslugend in's wunder-volle Land, steht Burg Maultasch, um dessen Wiedergewinn Herzog Stefan, der Bayer,zu kriegerischem Spiel auszog und Oesterreich mit seinen kernigen Mannen überfluthete.Margaretha, des Herzogs Heinrich von Kärnthen, Grafen von Tirol, Tochter, nach diesemSchlosse Maultasch zubenannt, dachte das herrliche Land nach ihres zweiten GemahlsTode an Bayern , dem sie verwandt, zu übergeben; aber Herzog Stefan hatte es ver-absäumt, Heses Vorhaben seiner Schwägerin sich rechtzeitig und rechtsgiltig zu sichern;Margaretha, auch nur ein Weib mit Weibersinn, mit allen Schwächen und Leidenschaftendes andern Geschlechts, ließ sich aber von Rudolf , Herzog von Oesterreich, eines weisenVaters weisen Sohn, die Gunst abschmeicheln und gab schließlich diesam dort oben in derBurg ihrer Ahnen „für sich und sein Haus Erbrecht und Erbrecht-Einsetzung über alleBurgen und Berge, Städte, Schlößer und Dörfer" des wunderbar schönen Landes.Kaiser Karl begünstigte diesen Coup und die aufgestellten Schiedsrichter sprachen imJahre 1369 den alleinigen Besitz Tirols dem Hause Habsburg zu.
Dort oben in jener Burg Maultasch war es auch, wo Margaretha, die keineswegssonderlich mit den Vorzügen edler Weiblichkeit, auch nicht mit Schönheit und Anmuthvom Geschicke bedacht war, und die durch viele resolute Züge in ihrem Kriegs- undFehdenleben mehr an das Wilde und Mannhafte eines Söldners jener Tage erinnernmag, anno 1331 mit dem böhmischen Prinzen Johann, einem Bruder des nachmaligenKaisers IV., vermählt wurde. Wie rauschend und prunkvoll aber auch die Festlichkeitenauf Schloß Maultasch gewesen, welche der fürstlichen Hochzeit zu Ehren stattfanden, dieEhe selbst war keine glückliche und wurde auch schon ein Dezenium später, 1341, durchLudwig den Bayer getrennt. Heute nistet in dem verfallenen, verwitterten Gemäuer,das aber immer durch die reichen historischen Erinnerungen, die sich an die vormalsso stolze Burg knüpfen, dem Reisenden von Interesse sein wird, wildes lichtscheues Ge-vögel aller Art, nunmehr die Herren des ruhmreichen Gebietes der 1379 zu Wien instiller Zurückgezogenheit verblichenen einst so streitlustigen und unternehmenden Gräfinvon Tirol, über deren Leben wohl eine Fülle sagenhafter Detailgeschichten und Anek-doten zirkulirt.
Lustig rollt unsere Kutsche nun wieder dahin. Die farbenprächtigsten Bilder fliehenrechts und links an uns vorüber. Alle süßen Zauber des Frühlings nehmen uns ge-fangen; wohlige Luft und berauschende Düfte umhauchen uns; wie in ein Eden, in einhesperisches Land erscheint uns die Fahrt gen Meran, die Fahrt nach dem Nizza undMadeira Tirols. Jetzt taucht ein freundlicher Flecken mit schmucken, hellen Häusern,gefüllten Krippen und wiehernden Rossen davor, .mit ruhenden Fuhrknechten im blauen