Ausgabe 
(24.7.1880) 7
 
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kurzen Staubkittel an der Seite des hochbepackten Frachtwagens, mit singenden Wander-burschen mit leichtem Ränzel und leichter Tasche und frischen lachenden Drrnen vorunserem Auge auf. Und der liebe Herrgott in all' seiner unbegrenzten Güte reicht berjedem Hause mildreich seine Rechte dem Dürstenden freundlich entgegen; er ladet ihn zueinem frischen Trunk Terlaner Weines. Wir sind nämlich in Terlan , dem alt-Lerühmten Terlan , das durch seinenschiefen" Thurm und seinen weltbekannten tief-schwarzen feurigen Rebensaft, der fast zu neuem Leben erwecken soll, und dem «Fremden,dem Ausländer auch wirklich nur zu glühend durch die Adern kreist, längst genugsamgenannt ist. Obgleich böse Zungen behaupten wollen, daß man Terlaner Wein überallauf Gottes schöner Erde trinken darf und soll, nur in Terlan nicht, so konnten wirdoch den Wunsch, das dunkle Traubenblut des niedlichen Oertchens in seiner Heimathselbst zu schlürfen, nicht unrealisirt lassen.

Ach, der Wein! Konnten wir denn auch Besseres thun, als dem großen Britenund Menschenkenner, dem Dichter und Philosophen vom Strande Avons Folge geben,der vor drei Jahrhunderten schon den ewig weisen Spruch allen Zeiten kundgethan hatte:Guter Wein ist ein gutes geselliges Ding und jeder Mensch kann sich wohl einmaldavon begeistern lassen."

Und die Sonne schien so goldig herein in den gefüllten Glaspokal und wohl auchin unser Herz und Gemüth, daß wir begeistert den Frühling leben ließen, den italischenFrühling, der sich mit solch' wonnigem Wehen über die Lande der Etfch,. den Etfch-Loden und den Etschwinkel gebreitet hatte. Bald auch war nach der Theorie des krei-senden Stoffwechsels in uns ein Theil der stammenden Sonnengluthen des Südens ein-gezogen; der dunkle Terlaner Wein funkelte aus unseren Augen und Blicken hervor undwir sahen nun die Welt ringsum in weit anderem Kleide: voll Herzensglück und seligerEmpfindung, rosig und blühend.

Und die schelmische Sage vomschiefen" Kirchthurm in Terlan ward wieder lautund wir ergötzten uns wohl, im Angesichts dös funkelnden Weines, manche Minute attihrer ätzenden Schärfe. Einst, vor langer grauer Zeit, sei einmal eine Jungfrau, eineechte rechte, an ihm vorbeigezogen, da habe er sich ehrfurchtsvoll vor ihr gebeugt undgeschworen, erst wieder in seine frühere ausrechte Lage, in seine vertikale Richtung zu-rückzutreten, wenn wieder eines Tages eine Jungfrau, eine echte rechte, zu seinen Füßenvorüberzöge. Seitdem aber sind hundert und hundert Jahre vorübergerauscht; vielehundert und hundert schmucke, blühende Tirolerdirnen haben ihn seitdem gegrüßt; abernoch heute ähnelt der altersgraue hohe Kirchthurm dem oft genannten zu Pisa und drohtseiner geneigten Stellung wegen jeden Augenblick in sich zusammen- und über die Land-straße zu stürzen ... ^

Es liegt wohl viel vernichtender Humor in dieser alten Tradition, aber auchmanch' ein Körnchen Wahrheit; die Sitten der Aelplerinen, der freien Kinder freier BergeS-höhen, sind und bleiben doch immer wieder ein wenig leichterer, entfesselterer Natur.Und in lustigem Trabe geht es nun wieder vorwärts. Vilpian liegt jetzt da zurRechten mit seinen reichen Maulbeerpflanzungen, seiner wahrhaft südlichen Ueppigkeitund der echt wälschen Bauart seiner Häuser. Auch hier gab es, just an einem Sonntagwar's, in den Wirthsstuben und außen vielbewegtes Leben und frohes, tolles Treiben.Drüben schießen Tiroler Schützen aus der Umgebung nach der Scheibe, und in stolzenTreffern und im kernhasten, weithinhallenden Jodlern thut es ihnen sicherlich Keinergleich oder zuvor. Auf grüner Fläche lagern im flammenden Sonnenglanze Burscheund Männer in ihrer kleidsamen Tracht, in den grünen Strümpfen, kurzen Knieehosen,!n schneeigen Hemdärmeln oder im dunkeln Spenser, den spitzen, reichbebänderten Filz-hut auf dem Haupte. Im Freien, über dein lodernden Flammenherde, brodelt es imKessel, und der Becher mit feurigem Tiroler wandert umher im fröhlichen Kreise. Ein-fach ist das Mahl und bescheiden zwar, aber kräftig und markig, gerade wie es Wald-duft und Waldluft rings um sie ist.