Ausgabe 
(28.7.1880) 8
 
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Verwesers", Erzherzog Johann's-Burg, die Plata-Vurg, Zeno- und Frags-Burg undmanche andere wohl, deren letzte Ueberreste uns Sagen und inhaltreiche Märchen erzählen

könnten. .

Zum alten Thorthurm ziehen wir ein. Die reißende Paffer rauscht unten, zwischenihren hohen Steinwänden, weißschäumend auf und spritzt den schneeigen Gischt empor,um in glanzvollem Schimmer leuchtender Sonnengluthen in hundert und hundert kleinenRegenbogen zu brilliren. Auf altklassischem Boden stehen wir nun wieder; denn imachten Säkulum nachchristlicher Zeit stand ja, wie bekannt, die römische Mansio Majaan der Stelle des heutigen Meran . Em Bergsturz soll die bedeutende Latinerstadtverschüttet, vernichtet haben. Heute ist es ein gar kostspieliges Pflaster, auf dem manan der Passer wandelt, und die Trauben hier hängen nicht nur im Herbste ziemlich hochdie Trauben, welche Brustkranke aus dem Norden heilen sollen sondern auch imFrühjahre, in den schönen Tagen der Molkenkur. Die Trauben hoch und die Säckeltief: denn in Meran lebt sich's nur, wie allerdings anderwärts auch, mit vollen Taschenleicht und lustig, doch auch wieder nicht für jene Bedauerns- oder Beneidenswerthen,denen der unerbittlich; Ausspruch des Arztes einUnheilbar", freilich wohl nur unaus-gesprochen, zum Willkomm entgegenbringt. . . .

Wie oft greift Einem da doch der Anblick einer solch sylphidenhaften, wahrhaftätherisch zarten Frauen- oder Mädchengestalt so recht tief ins Herz, der Anblick einerjener traumhaften mondscheinartigen Figuren, die z. B. Paul Heyse , der poetische Ver-herrliche! des Burggrasenböden" in seiner Tagebuchblätter-NovelleUnheilbar", in soergreifender plastisch lebendiger Weise zu zeichnen verstanden hat. . . .

Dort auf derWassermauer", dem breiten starken Damme, welcher den Meraner Kurgästen als Promenade dient, sieht man wohl täglich, wenn die wohligen Sonnen-strahlen Herablächeln auf den vielbesuchten Plan, eine junge Britin, welche in ihrem stillenWesen der echteste Ausdruck, der wahre Typus jener Leidenden ist, denen selbst diemilden, heilkräftigen Lüfte des Etschwinkels nimmer die Genesung zu bringen vermögen.Wie tansparent fast erscheint da im goldigen Tagesschimmer der alabastergleiche Teintdes madonnenhaften Mädchens mit den hellen, wunderbar schönen, in den feingezeichnetenNacken-fallenden Flechten. Welche Hoffnungen und Erwartungen führten sie und dieIhren aus der nebelumschleierten Insel nicht herüber nach dem Festlands, in das viel-gerühmte Thal?

Verräterisch aber schleicht sich ein heimtückisches Rosenpaar auf die bleichen Wangender Miß, als wolle es die hoffnungsfreudigen Worte desselben zerstören für immer. Unddoch, wie erfrischt und beglückt doch das Auge und das Herz, den Sinn und das krankeGemüth die Fülle entzückender Bilder, die herrliche Welt um Meran ! Und unter denJauben", den Bogengängen der alten, schmalen, giebeligen Häuser der einstigen stolzenHauptstadt Tirols drängt sich alles geschäftliche Leben zusammen. Da erstehen uns dannnicht selten die prächtigsten, kernhaftesten Gedanken, Bursche wie Mädchen, Männer wieFrauen, die oft geradezu ein Schimmer von klassischer Schönheit umfließt. SüdlichesFeuer entströmt den tiefschwarzen großen Augen der Weiber, das den Gluthen einerRömerin entlehnt zu sein scheint, während dunkle, glattgescheitelte Flechten das in braunenTönen verfärbte scharfgezeichnete Antlitz umwallen, über welches sich zuweilen ein geist-bewegtes Lächeln bewegt. Ein unbewußter, aber verführerischer Reiz ruht über denmehr schlanken edlen Figuren, und mag auch Kleidung und Gewandung noch so einfachund schlicht sich weisen, immer tritt uns aus dem Wesen, wie es sich in seiner Gesammt-heit gibt, ein herrlicher Menschenschlag entgegen, aus dem sich wohl schon unsere erstenKünstler nicht die geringsten ihrer Genresiguren geholt haben mögen. Kaum werden sichuns aber wohl freundlichere Bilder bieten, als die es sind, welche die dem reinsten ita-lienischen Typus zuneigenden Frauengestalten zur Zeit der Traubenreife in den üppigenWcinlauben schaffend, vor unsere Blicke zaubern, wenn dann in späteren Tagen durchdas saftgrüne dichte Laub des Geländes, über die dunkelblaue Traube hin, der Gold-