Ausgabe 
(28.7.1880) 8
 
Einzelbild herunterladen

strahl der scheidenden Abendsonne schimmert und die schönen Züge der Meranerin er-leuchtet unv verklärt. . . . Alle seligen Erinnerungen an die Tage eines süßen Dahin-träumens in den Sabinerbcrgcn, in Albano oder dem Künstlerheim Olevano erwachenvielleicht da wieder und stimmen die Seele heiter. Auf den Höhen des wein- undrebcnrcichen Küchclberges oben, über den uns ein breiter sommerüber gar schattiger Wegnach Schloß Tirol führt, regt sich auch bereits freudigstes Leben. In dichten Schwärmensitzt da auf Baum und Strauch und den arkadenhaften Pflanzungen ein Hee^ von jubi-lircndcm Gevögel, das den neucrwachten Frühling, sein Lied verkündend, hinausschmettertin die lauen, würzigen Lüfte.

Still liegt's drüben in Schonna , um die im gothischen Styl erbaute Gruftkapelledes Herzogs Johann von Oesterreich , den sie darein zu ewigem Schlummer gebettethaben. Frei schaut der prächtige, edle Bau hinab ins sonnengoldne Thal, weithin mdie Ferne, den ganzen Etschwinkel überfliegend. Wie oft stand der menschenfreundlicheFürst nicht hier oben in seiner Burg, außen auf der Altane des Waffensaales, die einenso unbcschrcibbar schönen Ausblick über das ihm so theure Meran gewährt, seiner bie-deren Tiroler freudig gedenkend, die er mit seinen Steierern ja so ganz in fein Herzeingeschlossen hatte.

Die Kapelle, ein Meisterwerk der neueren Architektonik, aus massivem, glatt polirtemJsfingcrstcin erbaut, erscheint mit ihren zahlreichen schlanken, durchbrochenen Thürmchenund Spitzen wie ein hingehauchter Gedanke, der der Verwirklichung und Ausführung nochharrt, so voll Duft und poetischem Zauber strebt das kleine Gotteshaus in den Aetherempor.

Und dort in einem blüthenprangenden Garten, der ein freundlichhelles Landhausumgibt, schreitet die kicsbestreuten Pfade entlang im lustigen Hauskleids die edelschönsGestalt eines Mannes, aus dessen leuchtenden Augen und geistbelebten Zügen uns wohlsofort ein hervorragendes bevorzugtes Erdenwesen entgegentritt. Ist auch der Vollbart,welcher das bedeutende Antlitz umrahmt, schon ein wenig gebleicht und von feinen Silber-fäden durchzogen, so spricht doch aus eben diesen leuchtenden Augen eine noch warm-cmpfindendc Seele, Gemüth und Fühlen, das uns noch zu mancher bedeutenden Schöpfungdes nahezu Sechzigjährigen vollauf berechtigt. Ob zwar der Name unseres Poeten, derhier auf seinem, der Stille und Einsamkeit geweihten ländlichen Gute dem Glück derEhe und den Musen lebt, nunmehr selten hinaus auf den rauschenden Markt des Lebensdringt, so war doch gerade er es, welcher vor ungefähr drei Dezennien diesen Namenaus dem Munde dcS ganzen Deutschlands vernehmen konnte. Seine lyrisch-epische DichtungAmaranth", obgleich in eine politisch bewegte Zeitperiode gefallen, verstand es doch,wie seither wenige poetische Werke, namentlich durch eine wunderbar melodische Sprächeallüberall zu fesseln und zu siegen. An der Seite seinerAmaranth", die jedoch imbürgerlichen Leben den Namen Freiin Mathilde v. Redwitz führt, fließen dem Dichterjetzt die schönen Tage im Etschwinkel, zu Meran , dahin, und nur ab und zu unterbrichtder Besuch eines fahrenden Jüngers diese Stille im trauten Heim des sinnigen Träumers.

Und wieder umfangen uns andere Kreise, andere Zirkel. Dort, wo sich hinter denreizenden, im süßen Zauber des neucrwachten Lenzes duftenden Gärten und Parks, diereichen Villen zu Ober-Mais gegen die Steige, welche in den prächtig bestandenenHochwald und nach dem majcstätischcipJffinger führen, hinziehen, dort lugt aus dunklemschon saftvollem Grün graues Gestein fürwitzig hervor, zu dessen Füssen sich dann später-hin eine Welt von Nebengebäuden, von Weinlauben, ausdehnt. Sagenhaft und stilleliegt's hier über dem Grunde; kaum daß man das leise Rauschen des flüssigen Berg-wassers , das leichte Mispeln der Baumkronen ringsum vernimmt oder das liebe-crschueude Lied- eines vereinsamten Waldvogels, der hoch oben im Geäste trillert.Nur die hellen Sonnenstrahlen tändeln über die grünen sprossenden Blätter hin undwehende Schalten fallen übcrs Gezweige.

Und drinnen erst, in den zum Theil noch erhaltenen Räumen des alten Schlosses