Ausgabe 
(28.7.1880) 8
 
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Wie weht einem da der Athem verrauschter Jahrhunderte, vergangener Geschlechter ent-gegen! In manchem Gemache entziffern wir noch die, wenn auch arg verblaßten Wand-malereien, soweit dies die zierliche, aber nur mehr hie und da erhaltene Holztäfelungzuläßt. Die Dielen und die scheibenlosen bleigefaßten hohen Fenster haben wohl ammeisten von den Stürmen der rauhen Bergwetter gelitten. In einer der besser erhaltenenStuben zeigt ein Freskobild über dem Eingang den mythischen Vogel Greif mit mäch-tigen Tatzen und mächtigem Schnabel, links ihm zur Seite steht ein schmucker Troßbube,rechts ein buntgeschmücktcr Mohr, wohlbewehrt, mit Speer und Wappenschild, Beide alsSymbol derGreifenburg ", wie das Schloß einst benannt war.

Wunderliche Geschichten mußte der alte Hüter des verfallenden Baues zu erzählenund vor unserem geistigen Auge schwebten lange noch Gestalten und Schattenbilder ausden längst verwehten Tagen feudaler Willkürhcrrschaft, unter denen jene stille blondeMaid, Edeltraut mit Namen, wohl kräftigstes Leben gewann.

Von dieser Ruine, der heutigen Ptantaburg, weiß auch in seinen den Lokalten sotreu bewahrendenMeraner Novellen" der Meister des Styls, Paul Heyse , unszu berichten und farbensprühend, farbenglänzend erstehen uns die Figuren seiner regenPhantasie in den herzergreifenden, dramatisch so belebten Ueberlieferung:Der KinderStind e der Vater Fluch."

Zum Scheiden senkt sich die Sonne hernieder und vergoldet noch einmal die Bergeund die Wellen des Flusses und die Burgen und das nahe Blatt am Baume oben.Aus Obermais und Meran klingt herüber in die stille Abendlandschaft, harmonischesGeläute der Kirchenglocken, das sanfte Singen eines fröhlichen Mädchens, das Jauchzeneines sreudigbewegten Burschen, die wohl Beide außen noch schaffen und fördern. UeberHügel und Höhen ruht weicher violetter Zaubcrduft und ein leises Summen durchziehtdas All' der Natur, ein trautes Sehnen, ein süßes Beglückscin! (Poster Lloyd.)

Schon ziemlich lange mag es sein,Man zählte just das Jahr,

Als noch die alte RedlichkeitIn Deutschland üblich war.

Die Münchener Bierbcscha«.

Doch wie hier unterm MoudenscheinAuch gar nichts kann besteh»,

Und sich die Welt nur iiumcrjortIm Kreise pflegt zu drehn:

Nun damals galt in München auchEin hergebrachtes Recht,

Wie man das neue Bier beschaut:Der Brauch war gar nicht schlecht.

Es kam die aufgeklärte ZeitUnd die war dünn und karg,Und mit der deutschen RedlichkeitWars l«ng nicht mehr so arg.

Drei Männer sandte aus dem RathDie Münchener BürgerschaftZum Bräuer, ob das sänge BierGeerbt des alten Kraft.

Und matt und dünn und ausgeklärtWard da das Bier halt auch,

Und somit »ahm ein Ende dannDer alte schöne Brauch.

Ihr meint, die Herren aus dem RathDie tranken nun aus Pflicht;

Das mag die Sitte jctzo sein,

Doch damals war sie's nicht.

Sie goßen's auf die Bank sein ausUnd setzten drauf sich frei,

Und kleben mußte dann die Bank,Erhoben sich die drei.

Sie gingen drauf mit selber BankVon, Tische bis zur Thür,

Und hing die Bank nicht steif und fest,Verrufen war das Bier.

Vielleicht, das; Gerst und Hausen manZu wenig heute pflegt;

Vielleicht auch, daß von; PfennigkrautZu viel hinein man legt.

Doch wird noch von der BürgerschaftDer alte Brauch geehrt,

Nur hat sie ihn, wie andres auch,

JnS Gegentheil gekehrt. ,

An ihnen klebt die Bank nicht mehr,Drum kleben sie an ihrUnd sitzen drauf wie angepicht,

Als wär's das alle Bier.

Und wer den Krug zum Munde führt,Der setzt ihn nimmer ab,

Bis er den letzten Tropfen hatGebracht ins sichre Grab.

Guido Görres .