Nr. 9.
1880 .
zur
„Angslmrger Pojheitlmg."
Samstag, 31. Juli
Der Mensch bleibt immer Mensch, was auch die Weisen sagen,
In jedem Älter wird des Standes schwacher Sohn
Den Stempel aller Thorheit tragen. Goethe.
Der Derr Davon.
Die Besuche des Barons auf dem Kirchhof dehnten sich immer länger aus, erkonnte stundenlang zwischen den stillen Gräbern umherwandern, init einer so schwer-müthigen düstern Miene, die jedem verrieth, daß ihn ein harter unersetzlicher Verlustgetroffen haben mußte. Besonders gern unterhielt er sich mit einem der Todtengräber,der auch bald für den reichen mit Trinkgeldern nicht sparenden Fremden, eine großeZuneigung an den Tag legte. Das wunderliche Verhältniß zwischen den Beiden ge-staltete sich immer vertraulicher; sie sprachen stundenlang mit einander und zuletzt mußtensie ihre Unterhaltung so einzurichten, daß sie von Niemand belauscht wurden.
Baron Bloomhaus schien sich jetzt auf dem Kirchhof wohlcr zu fühlen, als inseiner Wohnung. Er legte für alle Bcerdigungsangelegenheiten das lebhafteste Interessean den Tag und kam selbst in den Abendstunden, wenn sich alle anderen Besucher schonentfernten. Durch den plötzlichen Tod seiner Gattin mußte der Geist dieses Manneseine wunderliche Richtung genommen haben, denn er ruhte nicht eher, als bis ihm alleneu ankommenden. Leichen, die man in die Todtcnhalle gebracht hatte, gezeigt wurden,und da er mit reichlichen Trinkgeldern nicht knauserte, willfahrte man gern seinerMarotte.
Heute war der Baron wieder gekommen und musterte in seiner düstern, schwer-müthigen Weise die in der Halle aufgestellten Leichen. Er wanderte von einer zur andern,ohne ein Wort zu sagen. Vor einem Sarge blieb er diesmal länger stehen und nach-dem er die Leiche aufmerksam betrachtet hatte, fragte er, wer die Verstorbene sei?
Ja, der Tod hat manchmal Geschmack! war die scherzende Antwort. Er sucht sichauch solch' prächtige junge Weiber aus. Es ist die Frau eines reichen Schlächters.
An welcher Krankheit ist sie gestorben?
Natürlich am Schlage, denn, wie Sie sehen, war sie ziemlich stark.
Kennen Sie zufällig den Mann? forschte der Baron weiter.
Gewiß er wird ganz außer sich sein, denn er war närrisch in seine Frau verkiekt»
Wirklich? hat er nicht blos vor der Welt so geheuchelt?
Nein, Herr Baron, das kommt wohl bei vornehmen Leuten vor, die anstandshalberso thun, als ob sie nicht ohne einander leben könnten, während sie froh sind, wenn siesich nicht sehen, aber Meister Richard hat seine Frau wirklich angebetet und auf Händengetragen.
Das wird ihm etwas schwer gefallen sein, spottete der Baron, der sich diesen^