Ausgabe 
(31.7.1880) 9
 
Einzelbild herunterladen

69

schreiben, ist nicht thunlich, es würden derweilen unsere Liebesleute zu alt. Maul-trommeln, das sind die kleinen Brummeisen, schlüsselförmige Jnstrumentchen, die manzwischen die Zähne steckt, eines zur rechten, das andere zur linken Seite. Mt den Fingernbewegt man die Stahlzünglein, während man in dieselben irgend eine Arie hineinhaucht.Die Arie surrt und säuselt ganz seltsamlich in den zitternden Zünglein und ist das dieoriginellste Musik eine Art Zitherspiel, dessen Resonanz der Kinnbacken ist, das wirk-samste Liebesgegirre jener Menschen, die für ihre Sache keine Worte finden können.Nicht umsonst sehen diese Maultrommeln oder Brummeisen aus, wie winzige Fuchs- oderMarderfangeisen männiglich, oder vielmehr weibiglich Thier wird mit demselbengefangen.

Der Mart und der Mirt hatten dieser Instrumente wegen, die sie meisterhaftspielten, im Dorfe die Spottnamen:Brummler" bekommen. Nebenbei da der EineKniehosen schuf aus dem Ladentuch, welches der Andere gewebt hatte bedeckten siechristlich die Blößen ihrer Mitmenschen.

Müllers Gretchen war aber so gescheidt und gab sich keine Blößen. Nur warenihr die süßen Klänge der Brummeisen lieber als wie das leidige Mühlengeklapper. Dasist aber auch ein Unterschied!

Der junge Schneider Mirt verfertigte dem Müller die Mehlsäcke und die Beutel-siebe ; das Gretchen fädelte ihm die Nadel ein. Ach Gott, diese Einfädeleien kennt man.

Da war's einmal im Dezember, daß der Schneider Mirt in seiner Stube saß unddie Brummeisen stimmte. Er klebte bei dem einen ein Wachsknötchen an die Spitze desZüngleins, so gab's den Baß.

Da trat der Weber Mart ein und sagte:Schneider, heut bleib' im Haus, draußenkunnt Dich der Wind vertragen. Was klöppelst denn da mit den Maultrommeln um?"

Der Schneider war ein Narr, der Alles sagte. In der nächsten Nacht will erans Fenster der Müllerstochter schleichen und dort brummeln, bis früh Morgens sechsUhr der Schulmeister ins Orale läutet.

Der Weber schwieg und wob Ränke. Der Schneider war schon mehrmals in desWebers Garn gelaufen vielleicht hüpft er auch heute hinein. Denn der Mart wollteselber in die Mühle.

Kann Dir nur gratuliren, Freund", sagte der Weber,wir müssen es treiben,wie wir es dazumal als Buben mit dem Schulmeister getrieben haben, daß er die Schul-stunde versäumt hat, wir müssen auf dem Thurm den Uhrhammer ausschalten."

Hilft nichts", meinte der Schneider,Meßner weckt sein Weib, und die soll, habeich gehört, regelmäßiger schlagen, als die beste Kirchthurmuhr. Dann geht er läuten,und das Läuten weckt den Müller auf."

Gut, so umwinden wir den Glockenschwengel mit diesem Pelz dal's.

Daß er nicht friert?"

Und daß er keinen Lärm macht. Du verstehst mich."

Zu solchen Streichen war der Mirt stets bereit, wenn der Mart voranging. Undheute war es obendrein zu seinem Benefize.

Am Abend nach der Gebetglocke schlupften die beiden Burschen durch das stetsoffene Thurmpförtchen hinein. Der Schneider stieg mit dem Pelz die Leiter hinan, derWeber hielt am Eingänge Wacht. Der Mirt war schon im dritten Gestocke und überseinem Haupte knarrte das Uhrwerk, als der Weber unten flüsternd schrie (man kann's,wenn's sein muß):Mirt, der Meßner kommt, ich zieh' die Leiter weg, sonst erwischter Dich."

Er that's und war davon. Jetzt Mes still und öde, bis auf die tickende Thurm-Uhr, deren schweres Gewicht, wie der Schneider bei seiner Kerze sah, am Seile niederhing.Nun horchte er hörte aber nichts vom Meßner und nichts vom Mart; nach einerWelle ging ihm das Kerzenlicht aus, aber ein anderes auf. Der Mart geht zurMühle ans Fenster, das ist schon lange sein Begehren, er wird dort Brummeisen spielen