Ausgabe 
(31.7.1880) 9
 
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die liebe, lange Nacht. So sah es der Schneider nun im Finstern. Wohl wußte er,das Gleichen konnte ihn, den Mirt, ganz besonders leiden und hatte ihm für diesenAbend das Brummeln an ihrem Fenster gestattet. Und wie sie gut ist, steht zu hoffen,daß sie in der kalten Nacht vor ihrem Fenster Keinen gern wird stehen und frieren lassen.

Und nun sitzt er auf dem Thurm, und der Andere o elender Weber!

Aber was sollte er thun? Hinabsteigen konnte er ohne Leiter nicht. Sollte er ^vollends hinaufklettern und vom Thurmfenster aus ins Dorf rufen? Das Ende davonwäre Schande und Spott. Sollte er Alarm läuten? Zu welchem Zweck? er brauchtVerschwiegenheit. Nur dem falschen Mark will und konnte er die Verschwiegenheit der ^Nacht nicht gönnen.

Er war gefangen. Den für den Glockenschwengel bestimmten Pelz wickelte er umsich selbst und nur noch die Wuth schützte ihn vor Angst und Frost. Als die Thurm-uhr ihre zehnte Stunde schlug, war es dem Schneider zum Rasendwerden. Das war jadie Stunde des Stelldichein. Der Wart kam selbstverständlich nicht mehr, um die LeiteranzrUchnen, der wäre> der Mirt sagte es selbst ein Narr, wenn er jetzt hierherkäme! Der Schneider mußte gar Acht haben, daß er nicht in die Tiefe stürzte. DasTodtsein wäre schon recht, aber das Sterben thut weh. Planlos tappte er umher undertappte das niederhängende Uhrgewicht. Jetzt kam ihm ein Gedanke. Das Uhrgewichttrachtet ja auch hinab und kommt bis morgen früh sicherlich zu Rande, wenn nicht eher;denn man weiß, der Meßner hat um sechs Uhr allemal hohe Zeit, die Uhr aufzuziehen.Der Mirt setzt sich auf das hängende Uhrgewicht, auf den Klotz, klemmt die Beine umden Strick, hält sich fest glückliche Reise!

Jetzt hub die Uhr da oben an und tickte doppelt laut und doppelt eilfertig undrascher, als man vermeinen sollte, ging's mit dem Burschen niederwärts. .

Und wie geht's dem Weber?

Dank der Nachfrag, der steht am Fenster des Gretchens und klopft. Da heißt'snicht verzagt sein; achtet sie das Klopfen nicht, so versucht er's mit dem Brummeisen.

Der Mirt?" hauchte das Gretchen.Was hast Du Dich nicht gleich genannt?^

Du Allerschönste!" flüstert der Mart:

Mein Herz und mein SinnJ§ im Kämmcrlein d'rin.

Wie stell' ich's denn an,

Das; ich nach cini taun?"

Darauf antwortete sie nach rechter Weise:

Dein Herz und Dein SinnIZ bei mir nit herin;

Hast im Schnee d'raußt verlor'n,

Js wie ein Eiszapfen g'fror'n!"

Der Bursche verschwand am Fenster, die Mühlräder rauschten. Auf dem Thurn?schlug es sechs Uhr, bald darauf der Meßner ist immer wachsam, auch um Mitte?nacht läutete es zur Rorate. Der alte Müller wunderte sich baß, daß er diese Nachtso gut geschlafen.

Er stand auf und ging in die Hintere Kammer, um seine Tochter zu wecken. Ander Thür stand ein Mann. ^

Wie grüßt ein braver Müller den Mann, der solchergestalt an der Thüre seinesTech-crl-inS steht? Auf dem nebcnragendcn Kasten lagen die Stäbe, womit er seine(7äse auszuklopfen pflegte. Mit solchen Stäben grüßt ein braver Müller den unge-ladenen Schwiegersohn. Der Begrüßte kollerte zur Hausthür hinaus just dem FreundeMirt an die Brust. Aber das war ein hartes Anprallen, ein unerquickliches Wiedersehen.

Der Mirt, nun der war eben auf seinem Uhrgewicht rasch so tief herabgekommen,daß er den Sprung auf den Boden wagen konnte. Es war ein guter Zeitvertreib und -die Stunden flogen durch ein solches Anhängsel rascher, gls wenn der Bursch an ihrem