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Sprache eine Verwünschung vor sich hin. Enrichetta! knirschte er zwischen den Zähnenhervor. Reize mich nicht länger, ich könnte mich sonst in blinder Wuth wirklich vergessen.Sei vernünftig, das ist für Dich das Beste.
Nimmermehr! Sie geben entweder Ihre Schauspielerin auf, oder ich zeige unsBeide als Mörder an.
Unsinn! Sei überzeugt, Du wirst damit nichts erreichen, während Du die bestenTage haben könntest, wenn Du auch ferner treu zu mir halst.
Es ist mein letztes Wort. Wollen Sie auf die Komödiantin verzichten? UndEnrichetta stellte sich dicht vor den Baron hin und sah ihn mit ihren unruhig funkelndenAugen drohend ins Gesicht.
Närrin! stieß dieser unmuthig heraus und kehrte ihr ohne Weiteres den Rücken.
Dann sollst Du es bereuen, so wahr ich eine Italienerin bin! rief Enrichetta aus«nd erhob die Hand, dann stürzte sie, halb wahnsinnig vor Zorn und Rachsucht, ausdem Zimmer. (Fortsetzung folgt.)
Der römische Landpfleger und sein Haus.
Von W. Wyl.
Ist auch daS Loos des deutschen Schriftstellers, Dank der grenzenlosen Intelligenzder heutigen Censur, jetzt ein ideal schönes, so läßt sich doch nicht leugnen, daß es aufder Erdenbahn des deutschen Kaufmanns nicht an Lichtblicken fehlt, besonders wenn ihndie Gunst der Sterne zum Matratzenhändler gemacht hat. Dieser Satz ist nicht etwa,wie boshafte Leser glauben werden, ein leichtsinnig hingeworfenes Paradoxon, sonderneine tiefsinnige, auf dem Wege analytischer Forschung gewonnene Sentenz. Gleich derechten Perle langsamen Wachsthums entwickelte sie sich in meinem Gehirn nach und nach,wenn ich, zwischen den stillen Häuschen des Passionsdorfes hinschleudernd und von demDufte der Düngerhaufen angenehm betäubt, die ungeheuren Quantitäten Bettzeug sah,die auf Bestellung der Apostel, Pharisäer und zahlreicher anderer biblischer Personentäglich karrenweise hierher kamen, um jenen höchst curiosen Produkten moderner Civili-sation, welche als amerikanische und englische Ladies durch die Welt laufen, nach demendlosen Gezwitscher des Tages zur nächtlichen Ruhestatt zu dienen. Ich weiß natürlichnicht genau, wie viel die Münchener Matratzenhändler an den Aposteln und Pharisäernverdient haben, aber ich habe eine dumpfe Ahnung, daß sie beim Nachzählen ihres Prositsdie Passion segnen und daß selbst die Söhne Jsrael's unter ihnen Momente christlicherRührung verspürt haben.
Wenn die Karren voll Bettzeug, Nachtkasten, Waschkommoden u. drgl. im Dorfeankamen, da war es wahrhaftig keine Kleinigkeit, all' das Zeug den Aposteln undPharisäern in die Häuser zu schaffen, und ich möchte wissen, wie der Postbote mit derGeschichte zurechtgekommen wäre, hätte er nicht einen braven Gehilfen gefunden, willigund stark zur Arbeit und grundehrlich zum Einkassiren der Gelder. Die Schnitzereigeht schon seit geraumer Zeit nicht am besten und da fand sich denn ein recht geschickterBildschnitzer, ein gewisser Thomas Rendl, ein Mann mit Frau, vier Kindern undeinem sehr kleinen Grundbesitz, der mit Freuden bereit war, zum Karren zu greifen undso die karge Portion Brot für seine Familie zu verdoppeln. Der Postbote versprachdrei Mark für die Woche, kleine Trinkgelder sollten hie und da auch abfallen, besondersbeim Pfarrer und beim Oberförster, und so begann denn der Schnitzer Rendl mit demKarren durch das Dorf zu kutschiren, wobei er freilich selber den Rappen vorzustellenhatte. Nun sieht ein Jeder, auch wenn er nie den Karren geschoben hat, ein, daß daseigentlich sozusagen ein saures Metier ist. Ist es sonnig, so schwitzt man ein gut Theil,regnet es, so wird man ganz merkwürdig naß, was großentheil daher kommen dürfte,weil man beim Fahren kein Parapluie tragen kann,h wenn man selbst Pferd ist. Werdas übrigens nicht begreifen kann, der lasse es sich von einem Professor erklären — diewissen Alles.