Ausgabe 
(4.8.1880) 10
 
Einzelbild herunterladen

79

Als ich so etwa eine Woche vor der ersten Vorstellung im Dorse ankam, da sahich dem Rendl oft bei der Arbeit zu, wie ich denn die Arbeit überhaupt sehr schätzeund liebe, bei Andern nämlich. Er hob und legte Matratzen, schob und wendete denKarren, und ich rauchte meine Cigarre mit dem Gesichtsausdrucke einer fetten Drohne,die einer fleißigen Imme zusieht. Und so rauchte ich denn im Dorfe umher, bis dieerste Vorstellung da war. Die gefiel mir denn ganz außerordentlich schon des Vormittags,und Nachmittags gefiel fie mir noch mehr, denn da spitzt sich die Tragödie zu, es wehtdie Luft des fünften Actes: Christus ist schon gefangen, Judas erhängt sich und daswirkt wie der Tod der Lady Macbeth.

Da tritt auf einmal Pontius Pilatus auf seinen Balkon heraus, mit Hofherren,Dienern und Kriegsknechten, und die Priester bringen ihm den gebundenen Nazarenerdaher. Ich bin nicht mehr gar jung, habe viele schöne Dinge in meinem Leben gesehen,so z> B. sehr viele wunderbare Tizians, Paolo Veronese und Rubens . Wenn mir daheretwas einen tüchtigen Ruck gibt und mir's wie ein elektrischer Strom den Theil desKörpers hinabläuft, für den ein gemeiner Kerl den NamenBuckel" erfunden hat, dakönnen Sie Gift darauf nehmen, daß es Malerei oder ein Stück himmlischer Musik ist,das mir in die Nerven geht. Wie also der Pilatus herauskommt, wie er da prachtvollfarbig obensteht mit goldenem Stirnband, goldenem Brustharnisch und Scharlachmantel,einen Feldherrnstab in der Rechten wie der Mann vornehm agirt, die Beine stelltwie eine antike Statue und wie er die jüdischen Priester abtrumpft, so daß seine fürst-lichen Antworten den Burschen wie Hammerschläge aus die schlauen Köpfe fallen dagab es mir einen ganz großen Ruck, wie es mir schon lange nicht passirt ist. Es sollteaber noch besser kommen. Das Drama geht seinen Gang fort, die Priester werdenimmer wilder und hetzen ganz Jerusalem vor des Statthalters Haus, damit es brüllendden Tod des Galiläers verlange. Immer höher gehen die Wogen des Hasses unterdem Balkon des Pilatus, seine Stellung wird immer schwieriger, seine Rolle bedeutsamer;der ehrliche wohlwollende Mann in ihm macht dem Sklaven Platz, dem Sklaven derGenüsse, der Ehren, die ihm seine Stellung sichert, und siehe da, der Sklave ist feigein der Stunde der Gefahr, er läuft davon und reißt den ehrlichen Mann mit sich fort da (wer sollte es dem schlichten Dorfkünstler zutrauen?) entfaltet der Pilatus einskünstlerische Größe, die uns verwöhnten Städtern den Athem in der Brust festbannt.Gewaltig spricht er zu den Priestern herab, scheu blickt er auf die nach Blut rufendenNolksmassen hernieder; er kämpft redlich für seine bessere Ueberzeugung, aber endlichzeigt es sich, daß er kein Epaminondas seines Gewissens ist. Er stirbt nicht, er kapitulirt»Seht, wie er sich die Hände wäscht und wie er das rothe Stäbchen bricht, daß derDuldergestalt unter dem Balkon die Stücke zu Füßen fallen. Er hat Christum denHerrn in den Tod gesendet.Nehmet ihn hin und kreuziget ihn!" ruft er, und tiefergriffen, als hätten Bosheit und blinde Leidenschaft erst jetzt über die stille Tugendtriumphirt und nicht vor achtzehnhundert Jahren, sehen wir dem Scharlachmantel desStatthalters nach, wie er in der Balkonthür des Hauses verschwindet.

Wer ist denn dieser prächtige Mensch, der einen Römer, einen antiken Staatsmannfarbig und plastisch so überzeugend darstellt? Wer ist es denn, der uns die Zweifel imBusen fühlen läßt, welche diesen römischen Hamlet von Statthalter hin- und herziehenzwischen seiner Pflicht und seinem Vortheil? Wie kommt der Mann dazu, seine Ge-sunken so wunderbar nachdrucksvoll in das Erz echt männlicher, staatsmännischer Sprächezu prägen? Wie heißt der Mann, der mich in seiner Haltung, in jeder Geberde an die'Nömergestalten des großen Rubens erinnert auf dem Cyklus des Decius Mus in derAechtenstein-Galerie zu Wien ? '

Der Mann heißt Thomas Rendl. Was derselbe, der seit Monaten dieMatratzen abladet und sie schwitzend durch die Straßen karrt? Unmöglich! .... Und!s ist doch so; es ist derselbe Rendl, der arme Bildschnitzer, der Gehilfe des Postboten» ^

(Schluß folgt.)