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Theil liebe solche Interieurs. Ich hatte eine uralte Großmutter auf dem Lande, diehatte auch so einen alten Tisch mit saftigem Brode drin und den Weihbrunnkessel beider Thür. Beim Fenster steht die Schnitzbank, mit dem Gestelle voll Messer daneben;dieser Apparat aber feiert in den schlechten Zeiten. Da sind die zwei jungen Nendl's,der sechsjährige Thomas, der auch schon bei der Passion mitthut, beim Manna in derWüste, und der ältere, der „Peterl". Der Peterl wird einmal ein Passionsspielerwerden! Denken Sie sich, er kann jetzt schon die ganze Rolle seines Vaters auswendig,und der Bub' ist erst neun Jahre alt! Wenn der Vater seine Rolle übt, so paßt dieserPilatus im Embryo auf wie die Katze auf die Maus, und wie der Alte sich verspricht,so schnappt der Bub' zu und sagt's haarscharf genau her, wie's in der Rolle steht, demabgegriffenen Heftchen, das hinter den Schnitzmessern im Gestelle steckt. Der Bub istauch sonst ein Genie. Sie glauben gar nicht, wie viel Passionstexte der oft in einemTage verkauft. Das geht manchmal in die Dutzend und bei jedem Stück hat er fünfPfennige. Und dann ist's so herzig, wenn sich die Leutchen zu Tisch setzen und Wochen-tags ihre Suppe mit Brot, Sonntags aber das große, schrecklich theure Pfund Fleischessen, das ihnen der Pilatus auf dem Holzteller vorlegt, nachdem sie allesammt ein kurzesEebetlein gesprochen haben. Denn wenn die Oberammergauer auch nichts weniger alsfanatisch find, so ist ihnen ihre poetische Religion, die Mutter ihres schönen Passions-spiels, doch auf Schritt und Tritt eine altgewohnte, liebe Begleiterin. Sie ordnet undschmückt das tägliche Leden, sie segnet die Arbeit, den Schlaf und das kärgliche Mahl,und sie tröstet den bescheidenen Künstler, wenn er seiner kleinen Welt, ihrer Schnitzereiund ihrem Passionsspiel auf dem letzten Schmerzenslager Ade sagt.
Die Rolle des Pilatus steckt hinter den Schnitzmessern in dem kleinen Gestelleneben der Schnitzbank. Sie ist ein Heft von 20 Ouartseiten. Ihr Verfasser ist derwürdige alte Daisenberger, ein Mann, der hinter dem schlichesten Aeußern eineedle Seele und eine.bedeutende Bildung verbirgt. Unter seiner Hand wurde der Partdes Landpflegers zum psychologisch interessanten Theil des Dramas, der sich überdiesdurch schöne, klare Sprache auszeichnet. Von großer Feinheit ist z. B, das dem HeidenPilatus zweimal in den Mund gelegte Bedenken über die Abkunft des Galiläers, dersich einen Sohn Gottes genannt hat. „Wie, wenn er wirklich der Sohn irgend einesGottes wäre?" Um deutlicher zu sein, will ich einige Stellen der ungedruckten Rolleselbst hersetzen:
(Kaiphas klagt Christum des Aufruhrs an.) „Ich habe wohl von einem Jesus gehört, der im Lande umherziehe und lehre und außerordentliche Thaten verrichte. Abernie habe ich etwas von einem durch ihn erregten Aufruhr vernommen; wäre etwas der-gleichen vorgefallen, so würde ich es vor Euch erfahren haben, der ich zur Handhabungder Ordnung im Lande aufgestellt und von dem Thun und Treiben der Juden ganzgut unterrichtet bin."
(Zu seinen Hofleuten:) „Ich kann nicht glauben, daß dieser Mann verbrecherischePläne im Sinne führe. Er hat so viel Edles in seinen Gesichtszügen, in seinem Be-nehmen, und seine Rede zeugt von so edlem Freimuth und so hoher Begabung, daß ermir vielmehr ein weiser Mann zu sein scheint, vielleicht nur zu weise, als daß diesefinstern Menschen das Licht seiner Weisheit ertragen könnten. . .. Wenn er etwa wirklichhöherer Abkunft wäre? . . . Nein, ich werde mich durchaus nicht herbeilassen denWünschen der Priesterschaft entgegenzukommen."
(Zu den Priestern:) „Wenn dieser Mann sich einen König genannt hat, so be-rechtigt mich dieses vieldeutige Wort noch lange nicht, ihn zu verurtheilen. Bei UNSwird öffentlich gelehrt, daß jeder Weise ein König sei. Thatsachen aber,daß er sich königliche Macht angemaßt hat, habt Ihr nicht vorgebracht."
Diese Beispiele mögen genügen. Sie sagen dem Leser, ohne meine Vermittlung,baß die Rolle an den Darsteller von der declamatorischen Seite große Anforderungenstellt, besonders in Sentenzen wie die obige, die im Druck hervorgehoben ist, DkM