Ausgabe 
(25.9.1880) 25
 
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sie der Noth und Entbehrung Preis geben! Nein, durch meine Arbeit müssen sieerhalten, muß ihnen das Alter so wenig kümmerlich als möglich gemacht werden!"

Ursula, meine theure Ursula!" nahm Moritz wieder das Wort, die Hände desarmen Mädchens in die seinigen fassend,ich beschwöre Dich, lasse Dich von denedlen Regungen Deiner großmüthigen Seele, nicht zu weit reißen! sehe der Wahrheitin's Gesicht; wir schlagen ja nicht aus etwas zu geben, sondern wir sind nur im An-fange nicht im Stande etwas zu thun. Wir würden jetzt allein leben und können dasnur, weil mir Muth haben zu entbehren."

Ich kann meine Eltern nicht verlassen!" nahm Ursula in herzzerreißendem Tonedas Wort, indem sie die beiden Greise wehmüthig ansah, die auf ihren Stühlen ein-geschlafen waren.

Liebst Du mich nicht, Ursula? vermagst Du meinethalben kein Opfer zubringen?" frug Moritz seine Verlobte.

Das arme Mädchen antwortete nur durch einen Strom von Thränen.

Moritz blieb noch länger bei ihr. Er sagte ihr tausend zärtliche Worte; er er-klärte ihr wiederholt die bescheidene Stellung, in der sie zu leben gezwungen seien, ersuchte sie zu überzeugen, daß die Opfer, die sie ihren Eltern bringen wollte, über ihreKindespflicht hinausgingen, aber er konnte sie zu keinem Entschlüsse bringen, und verließsie, ihr hundert gefühlvolle Namen beilegend, mit der Bitte seiner Worte noch wohlgedenken zu wollen. Sie ließ ihn sprechen, ohne zu antworten, und nur Thränen warenihr Abschied.

Andern Morgens als sie ins Zimmer trat, schloß sie das Fenster, das über Nachtin ihrer Bestürzung offen blieb; bleich und zitternd vor Frost und Bewegung, nahm sieTinte und Feder und schrieb:

Lebe wohl, Moritz! Ich habe überlegt, mit mir gekämpft und bin zu demEntschlüsse gekommen, daß ich bei meinen armen Eltern bleibe. Sie in ihrem hohenAlter verlassen, hieße sie tödtcn! Sie haben Niemand mehr als mich auf der Welt! Meine Schwester hat in ihrer letzten Stunde sie mir anvertraut und ihre letzten

Worte waren:auf Wiedersehen Ursula!" Ich müßte auf dies Wiedersehen ver-zichten, wenn ich diese meine letzte und heiligste Pflicht nicht erfüllte!

Ich liebe Dich von ganzem Herzen und werde Dich stets lieben. Mein ganzes

künftiges Leben wird nur eine Erinnerung an die glückliche Zeit sein, wo wir für ein-ander lebten. Du warst gut, warst großmüthig und edel, aber ach! wir sind zu armum uns zu vereinen. Ich habe mir Deine Worte von gestern wohl eingeprägt undsie auch vollkommen verstanden. Leb' wohl! es kostet mich fürwahr eine große Gewalt,Dir diese Worte zu schreiben! Ich wünsche gewiß, daß Deine Zukunft, eineglückliche sein möge! Eine andere Frau wird Dich besitzen o sie ist beneidens-werth in diesem Besitze, der der schönste Traum meines Lebens war! Gott befohlen,vergesse nicht ganz die arme Ursula! und damit lebe wohl mein Freund; ach, ichwußte es ja, daß es mir nicht beschieden sei, je glücklich zu werden. Ursula."

Ursula sah Moritz, sah mich wieder; aber alle unsere Bitten, alle unsere Vor-stellungen waren umsonst, sie wollte ihre Eltern um keinen Preis verlassen.Ichmuß für sie arbeiten für ihren Unterhalt sorgen, ich habe es meiner Schwester amTodcsbett gelobt", sagte sie. Vergebens sprach ich von der Liebe Moritzens, daß seinGlück allein in ihrer Liebe lag, mit einer Art von Grausamkeit, machte ich sie auf ihrAlter aufmerksam, das bereits so vorgeschritten sei, daß vielleicht keine Gelegenheit sichMehr bieten würde, ihr Schicksal so vortheilhaft zu ändern. Sie weinte, indem siemich anhörte, und die Thränen sielen auf ihre Stickerei, dann leise, als ob sie mitsich spräche, murmelte sie:sie würden sterben, ich muß für sie leben und arbeiten!"Zuletzt forderte sie von nur, daß ihre Mutter nicht von dem unterrichtet werde, waszwischen uns vorging. Ich versprach es, obwohl ich wußte, daß die, für die sie sichopferte, sie wie immer, ignoriren werden. Dem war auch so, eine fromme Lüge täuschte