Ausgabe 
(25.9.1880) 25
 
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sie über die Ursachen des Abbrechens des Verhältnisses mit Moritz und Ursula hattewieder ihren Platz am Fenster inne und arbeitete wieder an ihren Stickereien ohneUnterlaß, bleich und gebrochen.

Erwald hatte noch immer gehofft, Ursula werde schließlich ihren Entschluß ändernund machte endlich den letzten Versuch, indem er sie auf's inständigste bat, sein Weibzu werden, und ihm zu folgen; allein umsonst, tiefbetrübt nahm er von Ursula Abschiedund wünschte ihr Glück und Segen.

So kam ein Tag, Ursula saß an ihrem Fenster, da hörte sie in der Ferne Militär-Musik; es war das Bataillon, welches die Garnison verließ, und die frohen Klängesendeten ihre Abschiedsgrüße in das schmale Gäßchen, zu Ursula's Fenster. Das armeKind ließ ihre Arbeit auf die Schooß fallen und bedeckte ihre Augen mit ihren Händen;der Abschied, den ich Tags vorher von ihr genommen, ist ihr schwer gefallen, und sieversprach, mir von Zeit zu Zeit von ihr Nachricht zu geben.

Am Abend jenes Tages, wo sie sich von Moritz trennte, jenes Tages, an dem siedas große Opfer gebracht hatte, setzte sie sich, nachdem sie ihren Eltern noch die ge-wohnte Sorgfalt und Pflege angedeihen ließ, zu Füssen des Bettes ihrer Mutter undheftete ihre thränenfeuchten Blicke wehmüthig auf die blinde Greisin. Sie sanft ander Hand fassend, murmelte die arme, verlassene Braut mit bewegter Stimme:TheureMutter! nicht wahr, Du liebst mich? Meine Gegenwart thut Dir wohl?Du würdest leiden, wenn ich Dich verließe?

Die Blinde wendete den Kopf gegen die Mauer und antwortete:Mein Gott,Ursula, ich bin müde, störe mich nicht mit diesem Gerede in meiner Ruhe."

Das waren die Worte der Anerkennung und Liebe, die sich Ursula erbeten hatte,als einzigen Lohn für die schmerzliche Ergebung, für das Opfer, das sie aus Kindesliebegebracht hatte, damit war die Mutter eingeschlafen und hatte ihr die Hand entzogen,die ihr armes Kind so zärtlich und liebevoll gefaßt hatte.

Da flüchtete die Arme zu dem an der Mauer hängenden, von der Zeit gebräuntenhölzernen Crucifix, warf sich auf die Kniee und suchte Trost und Kraft im Vertrauenzum leidenden Christus, und nachdem sie lange gebetet, verließ sie, neugestärkt durch ihrenGlauben, die Schlafstube ihrer Eltern.

Nun wurde Ursula mit jedem Tage bleicher, stiller und in ihr Schicksal ergeben.Die vielen Thränen hatten die letzten Spuren von Jugend und Schönheit verwischt; siehatte auffällig in kurzer Zeit gealtert, ihr wohl glcichgiltig, sie hatte ja doch Nie-manden mehr zu gefallen.

Von Moritz Erwald hörte sie nach seiner Abreise nichts mehr. Ursula war fürihn ein anmuthiges'Bild gewesen, dessen Melancholie seinem Gemüthe entsprach und seinVerlangen reizte; mit dem Entfernen von dem Bilde, bleichten aber dessen Farben, bissie schließlich gänzlich erlöschten. Er hatte sie wohl bald vergessen!

Ein Jahr nach diesen Begebenheiten erkrankte die alte Mutter, sie litt nur kurzeZeit, ihr Uebel war nicht zu heilen; Ursula hatte gewacht und gebetet am Krankenlager,sie erhielt noch ihren Segen und ihren letzten Seufzer.Nun Martha", sprach sie,nun ist unsere Mutter bei Dir! begleite sie zu Gott !"

Der nun allein zurückgebliebene Greis fühlte den Verlust schwerer als man beiseinem Stumpfsein geglaubt hatte. Mit Wehmuth und Schmerz weilte sein Blick ausdem Stuhle, in dem seine langjährige Lebensgefährtin so treu und ausdauernd geweilthatte. Umsonst suchte Ursula ihn zu trösten, ihn zu zerstreuen, immer wiederholte erdie Worte:mein Weib!" und Thränen rollten dann über seine abgezehrten Wangen;er mußte fast gezwungen werden, die nöthige Nahrung zu sich zu nehmen, und wenigeWochen waren verflossen, da folgte der Arme seinem Weibe. Als man den Sarg,der ihren Vater einschloß, aus dem alten, traurigen Hause trug, da weinte Ursulabitterlich und jammerte:Mein Gott, ich hätte verdient, daß sie länger gelebt hätten."

Ursula war dann allein. Viele Jahre sind seitdem verflossen, ich habe oftmals