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Bild sei, zahlte die Summe und machte mich reisefertig. Da bin ich nun, um mitIhnen nach Southampton zu fahren, Capitän."
„Und welches Bild ist es, Sir", fragte William, der kaum seine Bewegung be-meistern konnte, „das Sie so lebhaft interessirt und zu so langem Aufenthalt hier ver-anlaßt hat?" —
„Ein ganz kleines Bild, Sir, ein Genrebild von Murillo, welches sich in derpermanenten Abtheilung der Kunsthalle befand und von dein Besitzer der Ausstellunggeliehen war."
„Haben Sie es schon an Bord?"
„O ja, ich habe es Niemandem anvertraut, habe es selbst mit hergebracht und inmeiner Sabine eingeschlossen!"
„Wenn lichten Sie die Anker, Capitän?" fragte der Viceconsul.
Der Capitän sah nach dem Chronometer.
„In anderthalb Stunden", sagte er, „beginnt die Ebbe, in etwa einer Stundedenke ich den Hafen zu verlassen."
„Ich sehe Sie noch", bemerkte William aufstehend und sich artig verbeugend. „Ichhabe nur einen kleinen Geschäftsgang in der Nähe hier zu besorgen."
Schnell eilte er zur nächsten Polizeiwache. Dem bekannten Viceconsul und an-gesehenen Hamburger Bürger ward in seinem Verlangen sofort gewillfahrt. Ein Polizei-Jnspector und zwei Constabler begleiteten ihn ohne Aufschub nach dem Dampfschiff zurück,zugleich wurden der Staatsanwalt und der Director der Galerie durch Expresse Botenbenachrichtigt.
Die Beamten confiscirten den mit aller Bestimmtheit durch William recognoscirten„Murillo", den auch der bald darauf eintreffende Director zweifellos als das vor Monatenentwendete Bild erkannte. Auch Mr. Leveson aus Sheffield mußte sich einen Aufschubseiner Abreise auf Anordnung des Staatsanwalts gefallen lassen und diesen zum Bureaudes Untersuchungsrichters begleiten. Dort beschrieb er Denjenigen, der ihm das Bildgebracht, so genau, daß der Director sofort in demselben einen Arbeiter der GalerieNamens Hillmanns erkannte. Dieser wurde verhaftet. An seiner Person fand man inenglischen Banknoten noch die ganze von dem Engländer ihm ausgezahlte, ziemlich an-sehnliche Summe. Die Untersuchung ergab, daß Hillmanns Mitschuldige nicht hatte; erhatte auf eigene Faust gehandelt.
Eine neue Untersuchung ward eingeleitet. Dieselbe endete mit der Vcrurtheilungdes Arbeiters Hillmanns zu einer bedeutenden Freiheitsstrafe, und es stellte sich ebenfallsheraus, daß Mr. Leveson vollständig in Unkenntniß gewesen von dein stattgehabten Dieb-stahl des „Murillo"; er hatte im guten Glauben gehandelt. Hillmanns hatte zufälligvon dem Anerbieten des Engländsrs gehört und beschlossen, für seine Person darausNutzen zu ziehen; er entwendete das Bild unmittelbar, nachdem Hildegard an jenemMorgen vor Eröffnung der Galerie dieselbe verlassen, um dem Jnspcctor Schramm ausdem Wege zu gehen, und hielt es mehrere Monate verborgen, um jede Spur zu ver-wischen. Er bekannte, daß er es gewesen, der den ersten Verdacht auf die arme jungeMalerin geworfen.
Der Präsident des Gerichtshofes erklärte, nachdem der Urtheilsspruch gegen Hill-manns verkündet war, daß auch nicht ein Schatten von Verdacht, nicht der allergeringsteMakel auf Hildegard Becker zurückbleibe, und die öffentliche Presse that das Ihre, umdiese Nehabilitirung allgemein bekannt zu machen.
Der alte Generalconsul sowohl wie auch die „Frau Consulin" willigten nun mitFreuden in die Verbindung ihres Sohnes mit Hildegard, und William führte seine jungeFrau sogleich fort in die Ferne. Sie blieben ziemlich ein Jahr abwesend — in derSchweiz und im südlichen Frankreich . Als sie zurückkehrten, fanden sie ein reizendes undhochkostbares Hochzeitsgeschenk vor von William's stillem Compagnon — Eugenie Delahaye,die sich inzwischen ebenfalls in ihrem Vaterlands mit einem Gelehrten vermählt hatte,