Ausgabe 
(6.11.1880) 37
 
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Verhaftung; er lief zu einem Anhänger der Bonaparte, Namens Vissavona, den er füvfähig erachtete ihm zu helfen und dessen Wohnung nächst dem Hause Morelli lag, inwelchem Napoleon gefangen gehalten wurde.

Santo Niccio hatte den vollen Ernst der Situation erkannt. Wenn es uns nichtauf der Stelle gelingt, ihn zu retten, so ist er verloren", sagte er.Vor Ablauf vonzwei Stunden kann er todt sein.

Vissavona verfügte sich nun zu den Morelli, versuchte geschickt sie auszuforschenund da sie von ihren wahren Absichten nichts verlauten ließen, vermochte er sie endlichdurch Gewandtheit und Beredtsamkeit, zu gestatten, daß der junge Mann bei ihm einwenig Nahrung zu sich nehmen-dürfe; sie möchten unterdeß sein Haus bewachen.

Ohne Zweifel gaben sie nur in der Hoffnung nach, so ihre Pläne desto besser znverbergen und ihr Chef, der Einzige, der den Willen des Generals kannte, übertrugihnen die Bewachung Napoleons , um sich nach Hause zu begeben und seine Vorbereitungenzur Abreise zn treffen. Dadurch daß dieser Mann sich entfernte, wurde wenige Minutenspäter das Leben des Gefangenen gerettet.

Unterdessen war Santo Riccio, der mit der den Korsen eigenen Hingebung einswunderbare Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit verband, seinerseits für die Befreiungseines Gefährten thätig. Er verband sich mit zwei jungen Leuten, die ebenso muthigund zuverlässig wie er selbst waren, führte sie heimlich in einen an Vissavona.s Hausanstoßenden Garten, wo er sie hinter einer Mauer verbarg. Dann trat er ruhig vordie Morelli und bat um die Erlaubniß, sich von Napoleon verabschieden zu dürfen, daer fortgeführt werden sollte.

Man willfahrte seiner Bitte. Nun verständigte er schleunig Napoleon und Vissa-vona von seinen Plänen und trieb zur Flucht, da der kleinste Aufschub höchst gefährlichwerden konnte. Alle drei drangen bis zur Stallung vor und anf der Schwelle umarmteVissavona seinen Gast und sagte mit Thränen im Auge:Gott rette Euch, mein armesKind, er allein vermag es!"

Kletternd erreichten Napoleon und Santo Riccio die zwei hinter der Mauer ver-borgenen jungen Leute und sie flohen nun im Sturmlauf nach einem nahen zwischenBäumen versteckten Brunnen. Aber sie mußten bei den Morelli vorüber, und diesewurden ihrer gewahr und stürzten mit Geschrei den Flüchtlingen nach.

Der Chef der Morelli, der indessen seine Behausung erreicht hatte, hörte den Lärmund errieth sofort, was geschehen sein mochte. Er sprang auf und die Wildheit seinesAusdrucks hatte etwas so Erschreckendes, daß seine Frau, die mit den Tusoli, bei denenBonaparte die Nacht zugebracht hatte, befreundet war, sich ihm zu Füßen warf, und ihnanflehte, das Leben des jungen Mannes zu schonen. Der Wüthende schleuderte sie vonsich und wollte hinausstürzen, doch sie umfaßte noch immer, auf den Knieen liegend,krampfhaft seine Füße und umklammerte ihn derartig, daß es ihm nicht gelang sich freizu machen. Er warf sie zu Boden, aber sie riß ihn mit sich nieder uud vergeblich suchteer sich loszuwinden.

Ohne die Kraft und den Muth dieses Weibes war es um Napoleon geschehenund die Geschichte der Neuzeit nahm eine andere Wendung. Es wäre derselben erspartgeblieben, eine endlose Reihe von glänzenden Siegen mit ihrem Griffel zu verzeichnen.Millionen Menschen wären nicht den Kanonen zum Opfer geworden! Die Karte Europa's wäre nicht die gleiche geblieben! Und wer kann wissen, unter welchem politischen Regimewir heute leben würden?

Die Morelli erreichten die Flüchtlinge. Santo Riccio blieb unerschrocken; sich anden Stamm einer Kastanie lehnend, kehrte er sich gegen dw Angreifer und schrie denbeiden jungen Leuten zu, Bonaparte mit sich fortzuschleppen. Dieser widersetzte sich undwollte seinen Führer nicht verlassen, aber Santo Niccio rief, während er gleichwohl dieFeinde keinen Moment aus dem Auge ließ:So tragt ihn doch fort, ihr Andern, er-greift ihn, bindet ihm Hände und Füße!"