Aber schon waren sie umgeben und festgenommen und ein Anhänger der Morelli,Namens Onorato, setzte sein Gewehr Napoleon an die Schläfe, indem er ausrief: „Toddem Verräther am Vaterlande!" In diesem Augenblicke rückte Bonapartes GastfreundFelix Tusoli, umgeben von seinen wohl bewaffneten Verwandten, heran. Santo Ricciohatte ihn durch einen Boten benachrichtigen lassen. Tusoli übersah die Gefahr, und daer in dem Manne, der das Leben seines Gastes bedrohte, seinen Schwager erkannte,rief er ihm, das Gewehr auf ihn anlegend, zu: „Onorato, Onorato, so muß denn dieSache zwischen uns znm Austrag kommen!" Der Andere wurde verblüfft und zögertezu schießen, während Santo Riccio die allgemeine Verwirrung benützte. Er überließ esden beiden Parteien sich zu schlagen oder sich Erklärungen zu geben, umfaßte mit Hilfeder jungen Leute den noch immer widerstrebenden Napoleon und zog ihn mit in'sDickicht fort.
Erst eine Minute später hatte sich Morelli von seiner Frau freimachen können underschien nun wuthschnaubend bei seinen Anhängern, aber die Flüchtlinge waren geborgenund zogen schon durch die Berge, die Schluchten und die Wälder. Als diese sich inSicherheit befanden, sandte Santo Riccio die beiden jungen Leute mit dem Auftrag zurück,sich am nächsten Morgen mit den Pferden bei der Brücke von Ucciani einzufinden. Bevorsie sich trennten trat Napoleon an sie heran und sprach: „Ich kehre nach Frankreich zurück,wollt ihr mich begleiten? Welches Loos immer mich dort erwarten mag, Ihr sollt es mitwir theilen." Sie antworteten: „Unser Leben gehört Euch, unser Dorf wollen wir abernicht verlassen." Die beiden treuen jungen Leute kehrten nach Bocognano zurück, umdie Pferde zu holen, während Napoleon und Santo Riccio mühsam ihren Weg durchdas wilde Gebirg fortsetzten.
Sie hielten bei der Familie Mancini eine kurze Rast, um etwas Nahrung zu sichzu nehmen und kamen Abends in Ucciani bei den Pozzoli an, die zu den Anhängernder Bonaparte zählten. Als Napoleon am nächsten Morgen erwachte, sah er das Hausvon Bewaffneten umringt. Die ganze Schaar bestand aus Verwandten und Freundender Familie, die alle bereit waren, ihr Leben zu seinem Schutz zu opfern. Die Pferdewarteten bei der Brücke und die ganze Eskorte geleitete den Flüchtigen bis in die Nähevon Ajaccio. Als die Nacht eingebrochen war, drang Napoleon in die Stadt und ver-fügte sich zum Maire, Herrn Jean Jerome Lewy, der ihm einen Versteck in einem Wand-schrank ausfindig machte. Diese Vorsicht erwies sich als nicht überflüssig, denn am nächstenTag fand sich die Polizei ein. Sie durchsuchte jedoch vergebens das Haus und zog sichendlich durch die geschickt gespielte Entrüstung des Maire getäuscht zurück, der seine eifrigsteMitwirkung zur Habhaftwerdung des jungen Mannes zusicherte.
An demselben Abend übersetzte Napoleon den Golf und wurde der Familie Costavon Bastelica übergeben, die ihn in den Wäldern verbarg. Die sensationelle Geschichtevon einer Belagerung, die er im Thurme von Capitello auszuhalten gehabt hätte, beruhtauf Erfindung.
Einige Tage später wurde die Unabhängigkeit Korsika's erklärt, das Haus derBonaparte niedergebrannt, die drei Schwestern Napoleon's wurden gefangen genommenund dem Abbs Reccho übergeben.
Eine französische Fregatte, welche an der Küste kreuzte, um die wenigen AnhängerFrankreichs einzuholen, nahm Napoleon an Bord und brachte den verfolgten Parteigänger,der einst der große Kaiser werden und die Geschicke der Welt auf den Schlachtfeldernentscheiden sollte, nach dem Mutterlande zurück."
Dieser „große Kaiser" hat, wie aus dem Vorstehenden zu ersehen ist, in den langenJahren seiner Macht keine Zeit gefunden, sich der Leute zu erinnern, die ihn mit Gefahrihres Lebens aus der Hand der Mörder gerettet hatten und erst die herannahende Todes-stunde vermochte es, die Erinnerung an jene Schuld der Dankbarkeit heraufzubeschwören,und ihn zu bewegen, sich in später Reue durch armselige Legate mit derselben abzufinden.