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Der Leichenrnaler.
Farbenskizze von Heinrich Seidel .
Nach langjähriger Abwesenheit war ich nach Berlin zurückgekehrt und schweifte einesTages planlos durch die Straßen, vertieft in die wehmüthig heitre Beschäftigung, dieStätten vergangener Jugendfreuden wieder aufzusuchen.
Dabei war ich allmälig in unbekannte Gegenden gelangt und hielt an, um mich zuorientiren. Der Name der Straße, in welcher ich mich befand, war mir nicht fremd,obgleich ich noch niemals dort gewesen war, und außerdem hatte ich eine dunkle Vor-stellung, daß sich mit dieser Straße für mich etwas Besonderes verknüpfe. Ich zog meinNotizbuch hervor und richtig, dort stand eine Bemerkung: ...... Straße Nr. 84, der
Leichenmaler." Kurz vor meiner Abreise nach Berlin hatte mein Freund Ringwald mirdiese Adresse aufgegeben und mir auf die Seele gebunden, diesen Maler, welcher unterseinen Freunden diese sonderbare Bezeichnung führte, aufzusuchen, da er nut ihm be-sonders befreundet sei und dringend wünsche, auch unsere Bekanntschaft herbeizuführen.
Ich fand das Haus bald. Es war ein zweistöckiges, langweiliges Gebäude, in demnüchternen Stil errichtet, der zu Anfang dieses Jahrhunderts herrschte, und hob sich selt-sam ab gegen die riesigen Miethskasernen mit Mansardendächern, welche die neue Zeitringsum emporgetrieben hatte.
Es war ganz einsam und todt in dieser abgelegenen Straße, kein Mensch ließ sichsehen, und das Einzige im ganzen Umkreis, das sich bewegte, -war in dem an dem altenHause hängenden Schaukasten eines Zahnarztes zu sehen, nämlich ein Paar rothe Gummi-kiefer mit blendend weißen Zähnen, welche, durch ein verborgenes Uhrwerk getrieben,fortwährend auf und zu klappten und ewig an einem imaginären Etwas kauten.
Ich trat in den geräumigen Thorweg und stieg eine mächtige alte Holztreppe mitgewundenem Geländer und tief ausgetretenen Stufen hinan. Ein muffiges, altes Haus;es roch darin nach aufgewärmten Kohl und Cichorienkaffee. Auf den oberen Stufenrührte sich was und ich fand dort ein altes, schlumpiges Weib, das, scheinbar ohnewesentliches Resultat, die Treppe scheuerte. Auf meine Frage nach dem Maler ward ichvon ihr über den Hof in den Garten gewiesen.
Auf dem Hofe war es lebendiger, denn ein Tischler, dessen Aushängeschild miteinem unendlich langen perspectivischen Sarg, in welchem man in einer Reihe hinter ein-ander eine ganze Familie bequem hätte unterbringen können, draußen von mir bereitsbemerkt war, hatte seine Werkstatt im Hinterhause aufgeschlagen, und seine Gesellenhobelten und nagelten in einem offenen Schuppen und sangen lustig zu ihrer Arbeit.Es roch dort nach frischem Holz und Firniß und in einem halbfertigen Sarge lag aufHobelspänen ein kleines rosiges Kind und schlief, während seine Geschwister danebensahen und mit Sargnägeln und alten Florfetzen spielten.
Das Atelier befand sich in einem Gartenhause. Eine seltsame Beklommenheit hattemich befallen und ich zögerte einen Augenblick, ehe ich den einfach mit dem Namen Martingezeichneten Klingelzug ergriff, worauf das heisere Gebelfer einer gesprungenen Glockemit so geflissentlicher Ausdauer ertönte, daß es offenbar war, sie suche den Mangel anKlang durch ihre emsige Beharrlichkeit und Arbeitsamkeit zu ersetzen. Der Maler öffnetemir selbst, und ich war enttäuscht über seine Erscheinung, es ivar nicht das geringsteUngewöhnliche in ihr. Eine schlanke, durchaus modern gekleidete Gestalt von nachlässigerHaltung, ein blasses Gesicht mit wenig Bart an Kinn und Lippen, etwas müde blickendengrauen Augen und kurzgehaltenem, emporstrebendem dunklen Haar, so stand er vor mirund fragte nach meinem Begehren.
Als ich den Namen meines Freundes genannt hatte, ging ein freundlicher Scheinüber die Züge des Malers und er forderte mich auf, in seine Werkstatt zu treten.Gegenüber der Thür ragte mir der Rücken einer gewaltigen Leinwand entgegen. Martindeutete darauf hin und sprach, indem ein feiner Zug von schalkhafter Ironie in seinenMundwinkeln lauerte: „Sie werden das Bild sehen, das ich soeben vollendet habe. Ich