Ausgabe 
(6.11.1880) 37
 
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störe Sie Anfangs nicht dabei, ich werde mir anderweitig zu thun machen. Vielleichtbrauchen Sie einige Zeit, sich an dem dargestellten Gegenstand zu gewöhnen."

Damit schritt er an einen Tisch, der, mit einer Anzahl von Gegenständen bedeckt,dicht an dem von unten halb verhängten Atelicrsenster stand und überließ mich meinemSchicksal. Ich darf wohl sagen, daß ich mit einem Gefühl ängstlicher Spannung an diedie bezeichnete Leinwand trat und ich dankte dein Maler für seine Rücksicht, als es ge-schehen war, denn kaum konnte ich eine Aeußerung des Entsetzens zurüchhalten. Aufdem Bilde war, wie ich sofort erkannte, das Innere des Lcichenkellcrs der BerlinerAnatomie dargestellt, jenes furchtbaren Ortes, wo die eingelieferten Körper für die Zweckedes Studiums aufbewahrt werden. Auf schrägen Pritschen hingestreckt, lagen die nacktenGestalten, aus dem ungewissen Dümmer in fahlem Scheine hervorleuchtend, Kinder,Greise und Jünglinge, wie sie ein grausames Schicksal an diesen furchtbaren Strandgeworfen. Sie führten keinen Namen und keinen Stand mehr, sie waren wissenschaft-liche Objecte und trugen nur noch eine Nummer, welche auf Papier geschrieben an eineZehe gebunden war. J>.. Vordergründe lag ein Weib mit einem nassen Tuch bedeckt,das die Form des verhüllten Leibes hervortreten ließ; unheimlicher als all das nackteElend wirkte dieser verdeckte Jammer.

Entsetzen und Abscheu waren die Empfindungen, welche mir dieses Bild einflößte,nachdem ich in kürzester Frist die geschilderten Beobachtungen gemacht hatte. Aber zumeinem eigenen Erstaunen bemerkte ich, daß in geringer Zeit diese Eindrücke sich mildertenund eine Art von Bewunderung sich einmischte, die durch die außerordentliche Kunst desMalers bei der Vorführung dieser furchtbaren Gegenstände hervorgerufen wurde. Esgibt eine Art der Darstellung, welche selbst das Entsetzliche, das Häßliche und Gemeineadelt, es giebt eine liebevolle Weise der Vertiefung in die Natur, welche auch über dieverachtetsten Gegenstände einen Schimmer der Schönheit breitet, jener Schönheit, welcheein Abglanz der ewigen Wahrheit ist. Die armen Kinder des Todes, wie sie so starrund hüflos im bleichen Dämmerlichte ruhten, es war ein ergreifendes Bild von der Un-zulänglichkeit alles Menschlichen.

Nun seien Sie aufrichtig", sagte Martin plötzlich,ich bin an starke Ausdrückegewöhnt."

Ich machte ihn mit dem Gange meiner Gedanken bekannt, allein es schien ihmnicht viel Eindruck zu machen.

Es ist wohl ein Fehler in meiner Organisation", meinte er,aber eine unwider-stehliche Kraft treibt mich hin auf diese Dinge. Eigentliches Grauen habe ich niemalsempfunden, nur ein tiefes und unwiderstehliches Interesse an diesen Gegenständen. Imvorigen Herbst besuchte ich einen befreundeten Mediciner in der Anatomie, da drängtesich mir plötzlich die Idee zu diesem Bilde auf und verließ mich nicht wieder. ManchenVormittag habe ich dann allein in dem Keller gesessen und Studien gemacht. DerHerbstwind brauste draußen in den Kronen der halb entblätterten Bäume und zuweilenkam ein Windstoß und warf knallend eins der stets offenen Fenster zu, oder jagte eineWolke von welken Blättern herein, welche raschelnd die schrägen Flächen der Lichtöffnungenherabkamen und flüchtig über ihre menschlichen Genossen hinwegtanzten. Sonst war dortnichts, als das stille starre Schweigen des Todes und der stiere Blick auf lange er-loschener Augen, der unablässig auf mir ruhte. Da kam mir oft plötzlich der Gedanke,wenn nun einer von diesen hier anfinge, sich zu bewegen und sich aufrichtete, um mitentsetzten Augen um sich zu schauen, was dann? Und es schien mir, als rege sichdort eine Hand oder hier ein Arm, aber ich richtete meine Augen fest darauf und sahwieder nichts, als die kalte, starre, unabänderliche Ruhe des Todes."

Unterdeß waren meine Augen weiter gewandert und hatten noch andere Bilderentdeckt, theils vollendete, theils noch in den Anfangsstadien begriffene, und es befielmich ein Staunen, über die Verschiedenartigkeit derselben von dein zuerst gesehenen.Kaum begriff man, daß es derselbe Maler war, der jenes schöne sinnende Mädchen