Ausgabe 
(6.11.1880) 37
 
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gemalt hatte, das mit träumendem Blick und knospendem Herzen durch den blühendenFrühlingsgarten wandelt. Und doch verleugnete er seine Natur nicht, denn wenn mandas Bild näher betrachtete, so war der Garten ein Kirchhof und die blühenden Rosenwuchsen aus einem verfallenen Grabhügel hervor.

Ich habe draußen ein Bild für Sie gesehen", sagte ich,in der Werkstätte desTischlers . . ."

Ich glaube, ich weiß schon, was Sie meinen", sagte er lächelnd, indem er einean die Wand gelehnte Leinwand- umkehrte und auf eine Staffelei setzte. Wahrhaftig, dawar das rosige, blühende Kind, das in dem Sarge schlief, wie ich es draußen gesehenhatte. Da waren die anderen Kinder, welche zu Füßen desselben fröhlich mit Emblemenund Gcräthschaften des Hades spielten.

Dann holte Martin von seinen: Sims, zwischen einem Todtenkopf und dem Skeletteines seltsamen Vogels, eine wunderliche, gebauchte grüne Flasche hervor, die mit einemEtiquette geziert war, welches ein momsnto rnorl und die rothe Inschrift:Gift!!!"zeigte und füllte zwei alterthümliche Gläschen daraus.

Daran dürfen Sie sich nicht stoßen", sagte er,das dient nur zur heilsamenAbschreckung für die Aufwürtcrinnen, welche gewöhnlich viel Sympathie für einen gutenLiqueur haben. Es wird mir übrigens sehr schwer, eine Aufwärterin zu finden, welchees bei mir aushült", fuhr er fort,sie graulen sich alle und mögen in dem Atelier nichtallein sein, besonders mit dem dahinten mögen sie nichts zu thun haben.'" Dabei zeigteer auf eine mannshohe Nische in der Wand, welche von einem kunstreichen alterthüm-lichen Eisengitter verschlossen war. Hinter demselben stand aufrecht ein Skelett, undstierte mit dem weißen Knochcnantlitz durch das eiserne Schnörkelwerk.

Wahrhaftig, ich konnte mir vorstellen, daß die armen abergläubischen Weiber indiesem Atelier sich nicht wohlsühlten, denn es glich eher der Behausuug eines mittel-alterlichen Nekromanten, als der Werkstatt eines Malers. Es fehlte selbst nicht dasausgestopfte Krokodil, das von der Decke herabhing, es fehlten nicht die Hunderte vonseltsamen und abenteuerlichen Dingen, welche rings wie aus einem grausigen Märchenvon den Wänden stierten und dem ganzen Raume etwas von dem gespenstigen Reizeines Wachsfigurencnbinets oder eines Raritätenmuseums verliehen. Der Abenteuerlich-keiten, welche sich hier vorfanden, hätte sich ein solches Mu'cum nicht zu schämen gebraucht.An der Wand hing unter vielen anderen Dingen eine braungedörrte Menschenhand, welchemir wegen ihrer zierlichen Form besonders auffiel. Martin nahm sie von ihrem Nagelund reichte sie mir hin. Es war offenbar eine Frauenhnnd, die schlanke Weichheit derFormen war noch vollständig erkennbar und an den sanft nach vorn sich verjüngendenFingern zeigten sich die wohlgepflegten Nägel noch gänzlich unverletzt.

Ein Geschenk eines Freundes", sagte Martin.Derselbe fand während des letztenfranzösischen Krieges diese Hand in den: Park einer verlassenen Villa mitten in einemRosengebüsch an einem Zweige hängend."

Unterdes; war die Dämmerung hereingebrochen und ich fand es an der Zeit, meinenBesuch abzubrechen. Der Maler hatte ein großes Kirchenwachslicht angezündet, um mirüber den dunklen Flur zu leuchten, jedoch als seine Blicke zufällig über die Wändeschweiften, hielt er plötzlich inne und sagte:Ach, dürste ich Sie, bevor Sie gehen, nochum eine Gefälligkeit ersuchen?" Dabei deutete er auf eine Borte, welche in Thürhöherm der Wand entlang lief und ganz bedeckt war mit einer Reihe von Todtenmaskenund Gipsabgüssen von Köpfen berühmter Verbrecher, welche mit leeren Augen ausbrutalen Gesichtern finster in die Welt starrten.Wenn Sie mir nur einen Augenblickdas Licht hier unten halten wollen, wie ich es Ihnen angebe. Sie glauben nicht, welchewunderbaren Effecte das gibt, wenn man diese Kerls so von unten beleuchtet.

Ich hielt das Licht und er trat zurück.

Ein wenig näher an die Wand!" rief er.So, nun noch mehr links . l. so,halt! . . . Köstlich . . . herrlich . . . wie dem da statt der Augen zwei große Finster-