296
nisse im Gesicht stehen, und diese Uebergänge, diese Neflexlichter! Sehen Sie, wie dieSchlagschatten lang an der Wand in die Höhe schießen . . . Famos!"
Ich sah von meinem Standpunkte ebenfalls hinauf, und muß gestehen, selten eineschauderhaftere Gesellschaft von Galgengesichtern beisammen gesehen zu haben. Dasfinstere Brüten in diesen stieren Augen ward durch die Beleuchtung ins Fratzenhaftegestärkt und durch das flackernde Licht kam ein unheimliches Leben in die starren Züge;es regten sich scheinbar die knochigen Kinnladen, und um wulstig aufgeworfene Lippenzuckte es wie ein dämonisches Grinsen.
Darnach verabschiedete ich mich und habe später den Maler nicht wiedergesehen.Aber unvergeßlich hat sich dieser eine Besuch in meine Seele geprägt.
Die Menschen sind ein sonderliches Geschlecht; was dem Einen ein Greuel, ist demAndern ein Labsal, und kein Abgrund ist so tief und schauerlich, daß nicht Jemand ge-funden würde, an seinem schwindelnden Rande furchtlos Blumen pflückend, wie einspielendes Kind. (Deutsches Montagsbl.)
M i s e e l l e n.
Ein Dorfschuster, der auf einer Fußreise sehr müde wurde, sah zu seiner Freudseine reitende Estaffette sich ihm nähern, und sprach diese freundlich an: „Liebster HerrStaffetterich, kann ich nicht ein Stückchen mitreiten?" — Der Postillon wollte sich einenSpaß nnt ihm machen, und erlaubte ihm, sich hinten aufs Pferd zu setzen. Kaum warensie eine Strecke weit geritten, so rückte der Postillon so weit nach hinten, daß der armeSchuster vor Angst nicht wußte, was er beginnen sollte, und dem Postillon auf die Schulterklopfend voll Verzweiflung zurief: „Ach, Hochedelgeborner Herr Staffettenbereiter, ich kannnicht weiter rücken, des Pferd is alle!"
Jemand sagte zu Lord Efsingham: „In Grönland werden die Menschen häufig100 Jahre alt, und doch gibt es dort keine Aerzte: ist das nicht wunderbar?" — „Beiuns in London gibt es mehrere tausend Aerzte," erwiderte der Lord , „und Mancher wirddoch 100 Jahre alt; ist das nicht noch wunderbarer?"
Das blinde Blumenmädchen.
Auf lauter Straße stehst du zag,Wo stets vorbei der Ein' in Eil'Am Andern hastet Tag für Tag,Und bietest deine Blumen feil.
Nicht ahnst du, welcher Zauber webtAuf deinen Wangen armes Kind,
Welch' holder Reiz dein Haupt umschwebt —Du ahnst es nicht — du bist ja blind.
Du weißt es nicht, wie wunderbar,
Wie lieblich deine Blumen sind,
Wie wonniglich, der sie gebar.
Der Sonnenschein — du bist ja blind.
(Aus:
Die Rose, die das Licht erweckt,
Die glühende begehr ich nicht:
Das Veilchen gib, das Dunkel decktWie dein umnachtet Angesicht!
Original-Charade.
* Das erste Glied zeigt einen Zustand an,
Wer in ihm lebt, ist leider übel d'ran;
Doch wer's nicht doppelt hat, ist zu beklagen.
Bencidenswerth dagegen ist der Mann,
Der, sclt'ner Weise, von sich rühmen kann,
Er sei, was uns die beiden letzten sagen.
Kein Kummer wird an seinem Herzen nagen,
Kein düst'rer Flor die heit'rc Stirn umzich'n,
Er schwebt einher im milden Freudcnglanze;
Allein schnell werden Glück und Freuden flieh'n,
Vereinen die drei Glieder sich in's Ganze.
Auflösung der Original-Charade in Nr. 35: Schlüsselloch.
Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag de^Litcrarischen Instituts von l>r. M. Huttler.