Ausgabe 
(10.11.1880) 38
 
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Nr. 38.

Mittwoch 10. November

1880.

Ein Reis vom Narrenbaum trügt jeder an sich bei;Der Eine deckt es zu, der And're trügt es frei.

Logau.

Aus dem Tagebuchs eines alten Junggesellen.

Von Alfons Planer.

I.

Noch seh' ich's, das alte Forsthaus inmitten grüner Tannen, noch höre ich denGesang der Vogel aus Dorn und Laubeshang, ein tausendfältig süßes Locken, noch mein»,ich, es ziehe das Waldesrauschen mir geheimnißvoll, wunderbar durch die Seele. Unddoch sind Jahrzehnte dahingegangen, nichts hinterlassend als süße, traurige Erinnerungenan den Lenz meines Lebens. Und wie schön war er, der Lenz? Voll Sonnenschein,Blüthenduft und Maienglück. Jetzt ist's Herbst geworden. Einsam sitz' und sinn' ich,während der Herbstwind gelbe Blätter von den Ranken des Weinstockes, der mein Fensterumrahmt, hereinweht. Warum muß es auch Herbst werden? Doch zage nicht, HerztEs muß auch wieder Frühling werden. Kommt er, jener Auferstehungstag, dann werdeich auch sie verklärt wiederfinden, die nun schon lange ruht unterin grünen Rasen undunter Blumen, sie selbst eine Blume, drüben auf dem von alten Linden und Buchenumrauschten Kirchhofe.

Es ist die einfache Geschichte zweier Menschenherzen, die da in mir wieder auflebt,meines eigenen armen Herzens und eines Herzens, das ich dereinst verehrte und nochverehre und heilig halte.

Das war ein schöner, Heller Herbstmorgen in des Lebens Herbst fallen seltensolch' sonnenhelle Tage da ich, ein junges, frisches Studentenblut, den Jagdstutzenmeines Onkels, des Pfarrers von Grünthal, auf der Schulter, den Rucksack umgehängt,dem Forste zuschritt. Da war's, als wollte die Natur zum letztenmale sich freuen, bevorder rauhe Sturm käme und den Bäumen die grünen Blätter nähme, und es war sofriedlich draußen, daß mir weich wurde unr's junge Herz und ich vermeinte, ich könntekeinem Wesen etwas zu Leide thun. Und als mich der ewig grüne Tannenwald auf-genommen hatte, da sah ich manch' zierliches Reh durch's Dickicht huschen und hab dochnicht die Hand aufgehoben, den Tod zu versenden, und war doch kein schlechter Schütze.Als sich dann in das Waldesrauschen der Klang der Morgenglocken vom Dorfe herüberverwob, da war's wie Feiertag. Es überkam mich wie Gebet und ich meinte, ich müßtewieder fromm sein, wie dereinst als Kind, da ich mit Mütterlein meinAve" betete.Und doch war er längst untergegangen im Weltgetümmel, der Kindesglaube, und tauchtedie Erinnerung davon nur selten auf, wie Aveläuten aus weiter, weiter Ferne.

So streifte ich denn durch's Waldesdickicht, mich freuend der schönen Welt undAlles in der Welt draußen vergessend, so daß ich ganz erstaunt war, als sich plötzlicheine Lichtung öffnete und ein freundliches Forsthaus mit einem netten Gärtchen vor mirlag. Doch ein oivm acmäoinicm^ besinnt sich nicht lange, und so schritt ich keck auf dasHaus zu, um so mehr, als hinter dem grünen Zaune ein frischer Brunnen plätscherte