Ausgabe 
(10.11.1880) 38
 
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und ich in Folge meines Streifzuges durstig geworden war. Doch nicht unbestraft be-trittst Du fremdes Gehege. Kaum hatte ich mich dem Brunnen genähert, da stürztenschon zwei Teckel aus der Hausthüre und gaben ihr Mißfallen über mein Eindringendurch wüthendes Gekläffe kund. Aergerlich war ich eben bemüht, die treuen Wächter zubeschwichtigen, als eine weibliche Gestalt unter der Hausthüre erschien und eine silberhelleStimme - ihr Klang zog mir das erstemal schon wie wunderschöne Musik durch dieSeele rief:Pürschl, Waldl, herein!" Und wie Zauber schien diese Stimme auchauf die Hunde zu wirken, denn sie machten augenblicklich Kehrt und näherten sich schmei-chelnd der Herrin, die alsbald in der Thüre verschwand. Nach kurzer Zeit erschien die-selbe jedoch wieder mit einem Glase in der Hand, das wie Krystall in der Morgensonnefunkelte; mir dasselbe darbietend sagte sie freundlich:Verzeihen Sie den ungestümenThieren, und darf ich Ihnen das Glas anbieten, falls Sie Durst haben."

Ich weiß nicht, ich hatte in der Universitätsstadt mit manchem schönen Mädchenverkehrt, mit jeden: gescherzt, und die Mädchen mochten mich kecken Burschen auch nichtübel leiden, aber als ich dein holden Mädchen jetzt in's Gesicht sah, aus dessen blauenAugen es so wundermild leuchtete, und auf dessen edlen, freien Zügen eine Seelenruhe,Waldesfrieden gleich, ruhte, da starrte ich dieses liebliche Antlitz unbeweglich an und warso scheu, daß ich lange brauchte, um einige Worte des Dankes verlegen zu stottern.Erst nachdem ich getrunken hatte, war ich wieder Herr meiner selbst, und da ich michals den Neffen des Pfarrers vorstellte, sagte das holde Kind lächelnd:Ei! da dürfenSie nicht an unserm Hause vorübergehen, was würde mein Vater dazu sagen! Besangenvon einem holden Zauber folgte ich der Einladung des Mädchens und trat in das Hausein, wo mich der Vater, der kgl. Förster Weber, ebenso freundlich begrüßte, wie seineTochter. Es war das eine schöne, stattliche Erscheinung, der in Ehren ergraute Förster,ein echter, biederer, deutscher Waidmann . Sein Gruß war warm und vom Herzenkommend, und freudig schlug ich in die dargebotene Rechte ein. Als wir dann draußenin der Laube saßen, da erzählte er mir, wie er ein langjähriger und geliebter Freundmeines Onkels sei, wie er schon lange Jahre auf dieser Fösterci sich befinde, wie seinRöschen hier geboren, wie nun sein treues Weib schon zehn Jahre todt sei, und derbrave Mann ließ mich ganz in sein Herz blicken, das so brav und treu war, daß ick, michgleich mit Liebe zu ihm hingezogen fühlte. Dabei war er so weich geworden, der rauheWaidmann! Nun mußte auch ich erzählen von meiner Heimath, von meinen Lieben, vonmeinen Studien und von meinem künftigen Berufe. Der Alte lobte meinen Entschluß,Arzt zu werden, und Röschen gar drückte ihre Freude aus und sagte, wie das ein soschöner Beruf sei und wie man da soviel Barmherzigkeit üben und sich reichen Gottes-lohn erwerben könne. Hätte mir sonst irgend Jemand diesen Beisatz gemacht, ich hättemitleidig oder gar verächtlich gelächelt; jedoch von diesen Lippen kam es so überzeugendund wahr, daß es mir keineswegs lächerlich vorkam. Etwas Schönes und Beglückendesmußte er doch sein, dieser Glaube, da er den Zügen eines Menschen so den Stempeldes Hehren und Erhabenen aufdrücken konnte, und Seelenruhe mußte er auch verleihen,so dachte ich mir und lauschte andächtig den schlichten Worten des sinnigen Mädchens.Lange saßen wir so beisammen, und es war mir, als hätte ich diese lieben Menschenschon lange gekannt und ich fühlte mich so heimisch, daß ich vermeinte, aus einem schönenTraume zu erwachen, als vom Dorfe her die Mittagsglocken grüßten und mich zur Heim-kehr mahnten. Vater und Tochter nahmen herzlich töschwd und luden mich ein, sieferner fleißig zu besuchen. Und ob ich der Einladung folgte! Jeden Tag war ich frühmorgen schon draußen im Forsthause. Mußte ich dann Mittags im Hause meines Onkelssein, nachmittags war Ich gewiß wieder drüben im Forste, bald mit dem Förster denWald durchstreifend, bald in traulicher Unterhaltung mit Vater und Tochter in der Laube,und als rauhe Winde stärker an den Herbst mahnten, drinnen in der heimischen Stube.Dabei ging eine seltsame Umwandlung in mir vor. Ich, der übermüthige, kecke Bursche,konnte stundenlang andächtig den Worten Röschens lauschen. Sie hatte es bald heraus-