Ausgabe 
(10.11.1880) 38
 
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bekommen, daß es im Punkte der Religion schwach mit mir bestellt war und redete mirdann einfach, absr doch überzeugend zu, so daß ich allmählig fühlte, der Glaube müssedoch kein leerer Wahn sein. Alle meine wissenschaftlichen Ansichten wurden erschüttertdurch den lebendigen Glauben in diesem Mädchen. Röschen schien sich auch des Erfolgesihrer Mission zu erfreuen und gewann mich sichtlich lieb. So kam denn die Zeit, dadie Ferien zu Ende waren und dieulmn mutör« mich wieder rief. Wehmüthig ge-stimmt nahm ich Abschied im Forsthause und auch Röschen war traurig, als ich ging.Ich meinte, Alles in dem stillen Forsthause zurückzulassen, all' mein Glück, Hoffen undLieben.

In der Universitätsstadt angelangt, begann ich ein ganz anderes Leben, dennfrüher. War ich nicht im Colleg, so saß ich den ganzen Tag auf meiner Bude undstudirte, oder meine Gedanken schweiften hinaus nach Grünthal und in's liebe Forsthaus.Meine Corpsbrüder wunderten sich sehr darüber. Die armen Jungens konnten nichtbegreifen, wie ich, der flotte Bursche auf einmal ganz anders geworden. Aber bald hießes:Spatz das war mein Kneipname muß riesig verkeilt sein, jammerschade fürdas fidele Haus." Als ich dann doch hie und da die Kneipe besuchte, wurde ich weidlichgeneckt und verdonnert. Aber als in einem grobenFlederwische" meine süßesten Gefühleempfindlich berührt wurden, blieb ich ganz aus und überließ es den Studenten ihreGlossen über mich zu machen. So kam der Winter und mit ihm die Weihnachtszeit.Wie ich da mein Ränzchen schnürte! nnd der Onkel war ganz verwundert, als ich michbei ihm einquartierte. Er schüttelte lächelnd das greise Haupt, ahnte er doch, was michmitten im Winter herausführte und hatte er das herzige Kind doch auch in sein väter-liches Herz eingeschlossen. Als ich dann im Forsthause die Stube betrat, da schauteRöschen erst erstaunt auf, ihre großen, blauen Augen starr auf mich gerichtet; dann zoges plötzlich wie leuchtender Sonnenschein über ihr Antlitz. Der Vater war ebenfallserfreut, wir rauchten zusammen und plauderten bis tief in die Nacht hinein. Röschenredete nicht viel, sinnend saß sie da und blickte-mich hie und da wundermild mit ihrentreuen Augen an, daß mich jedesmal süßer Schauer überkam. Als ich dann durch dentiefen Schnee dein Dorfe zuwanderte, da glänzte draußen ein wundecfc!!. Nachthimmek,und die Sterne grüßten freundlich herab. Wie seliger Geister Gruß tönten durch dieNacht die Glocken, die zur Christmette riefen. Als ich mich dem Dorfe näherte, dawaren die Fenster der Kirche hell erleuchtet, und leise tönte die Orgel. Mich zog's mitAllgewalt hinein in die Kirche, ich betete wieder wie in Kindestagen, und seliger Friedezog ein in mein Herz. Es war heilige Nacht!

(Schluß folgt.)

* Die Augen des Meeres.

Von K. Reichn er.

Motto:

In dein kleinsten VaterlandsLernt der Mensch die Welt versteh'n."

Ein jeder Mensch, mag er sein, wer und was er wolle, empfindet wohl tiefinner-lich jenen schönen Trieb, der gar häufig, bewußt und unbewußt ihn leitet, seine Hand-lungen beeinflußt die Liebe zum Vaterlande, zur Heimath.

Nun gibt es freilich Länder, schöne, sonnige Länder, bei deren Anblicke ein Jederzu begreifen vermag, wieso es komme, daß heißes, sehnsuchtsvolles Heimweh den durchdie Ungunst seines Geschickes, die Macht der Verhältnisse von seinem Vatcrlande Ge-trennten, fern von demselben befalle. Wir vermögen das sprüchwörtlich gewordeneHeimweh des freien Schweizer ) nach seinen majestätischen Bergesriesen zu erfassen, dasGefühl des Deutschen halb wohl, halb wehe wenn er draußen unter Fremdenplötzlich auf deutsche Laute, deutsche Sitten stößt, wir verstehen, daß dem Franzosen seinParis, dem Italiener sein blauer Himmel an's Herz gewachsen ist wir begreifen diesAlles und auch manches Andere noch, denn: