„In dem kleinsten VaterlandsLernt der Mensch die Welt versteh'»."
Und in ihm, diesem kleinsten Vaterlande, liebt er die ganze Welt, ja liegt oft die ganzeWelt für ihn. — Das ist der Zauber, der geheimnißvolle, der in dem süßen Laute:„Heimath" ruht, sei diese Heimath nun groß oder klein, bescheiden oder prächtig.
Fast unbegreiflich aber erscheint die sonst so natürliche Liebe zum Vaterlands, zurHeimath, wenn es sich um eine Stätte handelt, welche dem unparteiisch, also kühlerUrtheilenden, als eine ebenso gefahrvolle, wie trostlose, von Gott und den Menschen ver-lassene Einöde, eine Wüstenei im allerschlimmsten und weitgehendsten Sinne des Worteserscheinen muß.
Und solch' ein Vaterland sind die sogenannten — von den alten Friesen so ge-gönnten — „Oogen (Augen) des Meeres", im gewöhnlichen Leben unter dem Namen:„die Halligen" bekannt. —
Umtobt von den Wogen der Nordsee, an der Küste von Schleswig-Holstein , liegeneinige kleine Inseln, die letzten Ueberreste einer untergehenden Inselwelt, welche das Meernach und nach verschlingt. — Kein Damm, keine Düne schützt diese kleinen Eilande, dienur um etliche Fuß das Meer überragen, die aus demselben hervorzulugen scheinen, alsdie Augen des Meeres. —
Das sind die Halligen. —
Wie Sie entstanden, darüber berichtet uns eine Sage:
In grauen Zeiten, im Jahre 1300, lag einstens dort ein festes Land, das mehrals dreißig Kirchspiele umfaßte, die Perle von Nordfriesland, das Land „Nordstrand ",durch schmale Wasserstraßen von den Inseln Führ und Amrum getrennt. Alle Halligen
— damals noch keine Inseln — gehörten mit dazu — es war ein reiches, gesegnetes,ein fruchtbares Land, das Deiche und Dämme vor dem wilden Meere schützten. — DieZierde Nordstrands aber bildete die reiche angesehene Stadt Nungholt mit ihren hohenThürmen, stolzen Kirchen, stattlichen Häusern. — AuS allen Gegenden Frieslands, ausSachsenland, aus Holstein, Schleswig und Dänemark , damals Grimmahorna genannt
— kamen die Leute nach Nungholt geströmt, wo des Landes Produkte zu Markte ge-bracht wurden. — Aber mit dem zunehmenden Emporblühen der Stadt wuchs auch derUebermuth ihrer Bewohner. — Den Segen des Wohlstandes nahmen sie als etwasSelbstverständliches hin, sie hatten keine Liebe zur Arbeit mehr, verlernten das Beten.— statt der Kirchenfeste feierten sie Trinkgelage und forderten in gottloser Frevelsuchtihr Geschick heraus, indem sie „den blanken Hans" (die See, weil sie grüne Wiesen inblanke Wasserflächen zu verwandeln vermag) spottend anriefen: „Kohm nu blanke Hans!"(„Komm nun (doch), blanker Hans!") — Hielten sie doch die Erzählungen frühererUeberschwemmungen für eitle Sagen, und ihre Dämme und Deiche für unüberwindlich stark.
„Nordsee — Mordsee!" sagt ein altes Wort, und eine „Schisfbruchküste" heißtman diese Gegend; — „der blanke Hans" ist ein wilder, mordgieriger Gesell — er ver-schlingt Alles, was er bewältigen kann und legt hinterlistige Fallstricke, indem er Sand-bänke bildet, zum Verderben der daran strandenden Schiffe.
Und der blanke Hans läßt sich nicht zweimal rufen. — Er kam, er trieb gewaltige,sturmgepeitschte Wogenmassen gegen die festen Bollwerke und Schutzwälle, daß sie zer-brachen und zerbarsten, als wären sie von Glas. — Da stürzte sie herein, die widleSturmfluth, in's nordstrandiger Land, im rasenden Ungestüm Alles mit sich fortreißend,Alles vernichtend. — Hin sanken die Kirchen, die Häuser, fort schwammen die Trümmerder Habe, fort die Leichen der Menschen und der Thiere; der blanke Hans war ge-kommen, wie man es gewollt, und weil man ihn herbeigerufen, und hatte das blühendeLand in eine blanke Wasserfläche verwandelt. — Und nun blieb der blanke Hans, nach-dem er einmal als Sieger Einzug gehalten, auch Herr des Landes, aber als kein milderHerrscher, denn tagtäglich erinnerte er an sein strenges Regiment, strömte sein Athemzug
— Ebbe und Fluth — darüber hin. — Und als es Winter ward, da verwandelte