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die blanke Wasserfläche sich zu einem blitzenden Eisspiegel, und als der Frühling kammit seinen Stürmen, da sprang das Eis und barst mit lautem Klingen, und der blankeHans stürzte befreit aus seinem Gefängnisse hervor, in dem er Winterschlaf gehalten,die Eisschollen erzitterten, sie wühlten den Boden auf, und verwandelten den Fleck, woRungholt einst gestanden und Alles ringsumher in eine öde Fläche von Sand undSchlamm, in ein „Watt." —
Sy berichtet uns die Sage. —
Thatsache ist indessen, daß gar manches „Watt" an jener Küste grau und öde ausdem Meere schaut — nackte, kahle Inseln, Wahrzeichen einstiger Stücke Land, Ueberresteauch von Halligen, denen die bösen Wasser- und Eismassen, die unerbittliche Sturmfluth,das dürftige Graskleid geraubt, die Menschen und ihre Habe vernichtet und eine feineSchlammdecke darüber gebreitet, in welcher statt der einstigen Bewohner, die dort lebten,starben und verdarben, nur noch kleines Seegethier seine Behausung aufgeschlagen, nurnoch die Vögel brüten, wenn die Fluth sie nicht vertreibt, ihr Nest zerstört. — An einigenStellen erblickt man gar den Meeresgrund, andere Wattenflächen sind mit „todtem Klei"bedeckt, wie die Friesen die blaue Thonerde nennen. Noch andere Watten tragen einKleid von reinem, gelben Sand. —
Und aus den grauen Watten heraus ragen die grünen, leichtbegrasten Halliginseln,„die Augen des Meeres." — Es ist nicht jede Nordseeinsel eine Hallig — es werdennur die kleineren so genannt, welche weder Dünen (natürliche Bollwerke, Hügel, vomSande des Meeres gebildet), noch durch Deiche oder Dämme (künstlich geformte Schutz-Wälle) gegen die unablässig andringenden Fluthen vertheidigt, und die drittens so stachsind, das; sie nur um etliche — 2—3 Fuß den Meeresspiegel überragen.
Die größte Hallig besitzt einen Umfang von ungefähr 1000 die kleinste von etwa16 Morgen — von einer einzigen Familie oder einer Einwohnerzahl bis zu einigenhundert Köpfen bevölkert.
Fast jede größere Hallig pflegt ihre Kirche und ihren Prediger zu haben — einschweres Amt, »ein hartes Loos für diesen, dort sein Leben zu vertrauern bei so be-scheidener Wirksamkeit und unter Menschen, deren Fühlen und Denken ihm fast immersremv ist und auch bleibt. —
Zuweilen erhebt ein einzig Haus sein Strohdach nur auf einer Hallig, zuweilenaber steigt die Zahl der Häuser auch bis zu 70. —
Das ist ein sonderbares Bauwerk, so ein Hallighaus — mühselig zu erbauen,mühselig zu erhalten. — Auf dem Erdboden einer Hallig kann man natürlich, der stetenUcberschwemmung des Meeres halber, nicht bauen, denn in jenen Zeiten ist er demMeeresgrunde gleich zu achten, darum muß zuerst mit vieler Mühe und Sorgfalt eine„Werfte", ein künstlicher Erdhügel aufgeworfen werden. Da bei stürmischem Herbst undWinter die Sturmfluth 20—25 Fuß zu steigen vermag, so müssen diese aus Rasenstückengebildeten Erhöhungen noch um einige Fuß höher stehen. Starke „Ständer" (Pfeiler)von Eichenholz werden durch den ganzen Hügel geführt, um das Haus zu stützen, undum die abspülende, stets bröckelnde und wühlende Macht und Gewalt der Wellen zumindern, müssen die Wände dieses Hügels sich in schräger Linie abwärts senken. —Gewöhnlich steht auf jeder Werfte nur ein Haus auf einen: Raum, der meist nicht größer,als nöthig, um rings herum gelangen oder allenfalls noch ein Stückchen Gartenlandpflegen zu können — doch kommt es auch wohl vor, daß eine ganze Häusergruppe wieein kleines Dorf auf einer Werfte sich versammelt. — Zur Seite des Hauses finden sichdie „Diemen " aufgerichtet, die Heuhaufen, über welche man geflochtenes Stroh, mitSteinen an den Enden beschwert, breitet. Oft halten solche Diemen länger als dasganze Haus beim Nahen der Sturmfluth , denn so fest wird das Heu mit der Zeit, daßman beim Gebrauche mit eisernen Spaten es abstechen muß, so hat der salzgetränkteBoden, dem es entsprossen, es getränkt — darum hält es sich auch so lange. „AltesHeu ist so gut als altes Geld", sagt das Sprüchwort. — Weil auf einer Hallig keine