Ausgabe 
(10.11.1880) 38
 
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Quellen sich befinden und das salzig-bittere Mccrwasser völlig ungenießbar ist, so müssendie Bewohner auf andere Weise den Mangel an Süßwasser zu ersetzen trachten.Deshalb besitzt denn auch jede Werft ihrenFething" (Wasserbehälter), eine runde aus-gegrabene Vertiefung zum Auffangen und Sammeln des Schnee- und Rcgenwasscrs. Mit diesem nicht eben wohlschmeckenden Wasser bereitet der Halligbewohner seinenThee, kocht er seine Speisen, tränkt er sein Vieh.

Der Sage nach sollen in früheren Zeiten die Halliginscln die Wohlthat des Quell-wassers besessen haben, weil aber wegen dieser Quelle Streit und Hader entbrannte, soward sie böswillig durch Steine verstopft da versiegte sie und kam nicht wieder, dennfriesischer Volksglaube behauptet, daß aller Segen weiche, i.bald Mißgunst und Streitdarob entflamme, und darum riesele nun keine klare Quelle mehr für die Halligen, darumsei es auch nichts jetzt mehr mit Fang von Fischen und von wilden Gänsen, nichts imVergleich zu früher.

Wie nach andern Gegenden Vier und Wein, so wird zuweilen ein Fäßchen süßesWasser nach den Halliginsclnimportirt" von: Festland her, eine Delikatesse, ein Luxus,der in Zeiten der Noth, in trockener Zeit, zur unentbehrlichsten Nothwendigkeit sich steigernkann, sobald durch lange Dürren das Wasser in den Fethingen versiegt, das ohnehinstets von den salzigen Bestandtheilen des Wassers durchdrungen ist.

Und nun zum Hause selbst!

Gar herrlich ist das Haus gebauet und geziert,

Wenn Gott des Herren Segen und Eintracht drin regiert."

Solche und ähnliche Sprüchlein und Lehren finden sich am Gesims und über denThüren gar manchen Hallighäuses. Ein jedes allfriesische Hallighaus trägt einensteinernen Giebel über der Hausthür, welche gleich dem Holz der Fenster dunkelgrünangestrichen ist die Firste der Strohdächer sind mit Nasen belegt.

Häufig zieren Malereien von Thieren und Wasserblumen die Stuben- und Bett-thüren oder die Simse, namentlich aber die oft blauangcstrichenen Wände der Zimmer,auf welchen man Abbildungen von Schiffbrüchen rc. findet, wie anderswo eine alteFamilienchronik. Ebenso sind Verse auch innerhalb der Häuser eine sehr beliebteZierde. Zum Beispiel über einer Stubenthür:

Wer ein- und ausgeht zu dieser Thür,

Dcrselb' gedenke für und für,

Daß unser Heiland Jesus EhristDie rechte Thür zum Himmel ist."

Oder über der Thür einer Bettwand:

In Sturm und WcllenbrausBehüte, Gott, mein Leben,

Und um mein jchwacbcs HausLaß Deinen Enge! -,l-n>eoen,

Daß sich die wilden Wogen scheu'n,

Wie Lämmer vor dein starten Len'n."

So eineBettwand" gehört auch mit zu der knappen praktischen Naumvertheilung,zu welcher die Halligbewohner gezwungen sind. Durch das einstöckige Hans führt derLänge nach ein schmaler Gang, von welchem man in ein Wohnzimmer (Dönsen) gelangt,das zugleich als Schlafgemach dient, indem sich mit Thüren versehen Nischen an derWand befinden, die Bettwand, welche die Bettladen enthalten. Auch manches andereEinrichtungsstück dieses Wohnzimmers bekundet dasselbe Bestreben nach denkbar möglichsterRaumersparnis; häufig wird ein Möbel für doppelte Zwecke benützt so z. B. eineBank zugleich als Lade, der eichene Eßtisch zugleich als Schrank, in welchem die Ueberresteder Mahlzeiten Aufbewahrung finden. An den Wänden stehen Truhen und Koffer,blau oder grün angestrichen und mit Jahreszahlen versehen; - in denselben befinde:sichdes Hauses heimlicher Reichthum, der Leinwandschatz der Halligfrau.", Ein altesSprüchwort sagt:Eine Tochter, die keine volle Leinenkiste mitkriegt in den neuen Haus-