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- stand, die weiß nicht, daß sie eine Mutter gehabt hat." — Doch auch dem Luxus ist
! gewisse Rechnung getragen in einem Hallighaus — gar manch' ein selten Stück aus
sernen, sremden Ländern, das Männer oder Söhne einst von ihren Seefahrten mit heim-gebracht, dienet zum Schmuck — auch Porzellan, ja Silberzeug befindet sich in einemi Glasschrank. —
Neben dein Wohnzimmer, durch den kleinen Ofen geheizt, liegt die Küche — dann? noch ein etwas größeres Stnatszimmer (der „Pesel"), benützt für festliche Gelegenheiten,als da sind Hochzeiten, Kindtaufen, Begräbnisse; ferner ein kleines Kämmerlein, und wirhaben die Wohnräume eines Hallighauses schon beisammen, weil mindestens des HausesHälfte diejenigen Lokalitäten einzunehmen pflegen, deren man für die Viehzucht benöthigt,denn das ist der hauptsächlichste Erwerb des Halligmannes.
Pferde gibt es auf einer Hallig zwar nicht, dagegen aber Rinder und Schafe, diedas kurze, kräftige Halliggras ernährt. — Auch Schweine und etwas Federvieh birgt desHauses gastlich Dach, und in sämmtlichen Ställen herrscht eine so holländische Reinlich-keit, daß dieselben sogar gescheuert (geputzt) werden, so gut, wie alle anderen Räumedes Hauses. —
Diese Reinlichkeit ist natürlich Sache der Halligsrau, zu derem Lobe sich eigentlichdas Höchste sagen läßt, was man einer richtigen und echten Hausfrau soll nachsagenkönnen — recht wenig nämlich. — Sie ist thätig, liebt Ordnung und Sauberkeit, ist, häuslich und still. Auf sie paßte treffend, was einmal ein berühmter Kanzelredner voneiner rechten Frau gesagt: „Sie soll sein und muß sein wie die Glocken am Charfreitage,sie muß sich nicht viel hören lassen; — sie soll sein und muß sein wie eine Spitalsuppe,
, die hat nicht viel Augen, also soll sie sich wenig umgaffen; —- sie soll sein und muß, sein wie eine Nachteule, die kommt sehr weinig an's Tageslicht. In Sonderheit abersoll sie sein und muß sie sein wie eine Schildkröte, und diese ist allezeit zu Hause, weilsie ihre Behausung mit sich trägt."
Es ist geiviß, daß die umgebende Natur, die ganze Lebensweise des Menschen einenmächtigen Einfluß auf denselben üben — die großartige Oede der Scenerie, das weite,s wogende Meer, die stets drohende Gefahr haben bei jenem Menschenschlag den Stempelj des Kleinlichen, der oft der Welt anhaftet, mehr verwischt und Theile jenes Urwüchsigen§ ihm erhalten, der im modernen Getreibe und Getriebe der belebten Gegenden zu Ver-^ lüfte geht. —- Auf den Halligen haust noch ein tüchtigerer, kräftigerer Volksstamm, Neste^ der alten Friesen, thätig, wortkarg, genügsam — auch sind die Halliginseln fast der einzige" Ort, wo noch die friesische Sprache (dem Englischen verwandt) am Reinsten sich erhalten— auf dem Festland wird sie meist gemischt gesprochen. —
Und ebenso anhänglich wie an seine Muttersprache ist der Halligbewohner auch ansein Vaterland.
Was für ein Vaterland, was für eine kahle, öde, trostlose Heimath ist dies! —Kein Baum, kein Strauch, kein wogendes Kornfeld, kaum ein bischen Gartenland trügt
- der salzige Boden — nichts als das fahle, kurze Gras, das die Schafe und Rinder! nährt, denn etwas Anderes lassen die immerwährenden Ueberfluthungen des Meeres ja
nicht gedeihen. — Nur wenige Blumen strecken ihre bunten Häupter vereinzelt aus, der
- Erde — vor Allem die violette Strandnelke, welche zum Kranz gebunden, den Neubauzieren muß, gleich wie an andern Orten die grüne Richtkrone oder der buntbeflaggteTannenbaum. — Keine Wiesenquelle, kein klarer Bach windet sich durch das matte
. Grün, nur tiefe Einrisse der See in das Land hinein mahnen daran, daß es ihr Eigen-thum, nur stehende Salzwafferlachcn erinnern an den letzten, unwillkommenen Besuch! des Meeres. —
Auch die Natur hat keineswegs versöhnend die Heimath dieser Meerbewohner, „dieAugen des Meeres", mit irgend welchen Reizen ausgestattet, —- Das Meereswaffer,dort, dessen regelmäßige Ueberschwcmmungen stets Hab' und Gut, ja Leben jährden, hatkeine schönen, hellen, grünen Fluthen — nur gelblich-graues, trübes Wasser in welchem