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garstige Rochen und Seehunde sich zeigen, da die Fische die starke Ebbe fürchten, dennmit Ebbe und Fluth treibt „der blanke Hans" tagtäglich ein sehr trügerisches Spiel. —Während der Ebbe scheinen wie durch Zauberspiel beim Zurückweichen der See einzelneder Inseln durch festen Boden miteinander sich zu verbinden, aber es ist nichts als Trugund Schein. — Der weite weiche Sandboden („Schlick"), der zum Beschreiben lockt, istja der Meeresgrund, und ehe der „Schlickläufer" (Der, welcher während der Ebbe überden Meeresboden von Insel zu Insel wandert) es sich versieht, fluggs, ist der blankeHans, der nur im Hinterhalt des rechten Augenblicks zum Vorbrechen gelauertwieder da und stürzt in wilder Wuth auf sein Beute, die, von der Fluth über-rascht, rettungslos verloren, nur als einsam fortgespülte Leiche noch diesen Ort verläßt.
Was sonst die Halligen noch Denen bieten, die sie Heimath nennen? — Inwenig Worten ist's gesagt: „Ein arbeitsames, einsam Leben voll Gefahren!" — KeinVerkehr mit der Welt, keine Verbindung nach außen, keine Genüsse der Erde, nicht heitereGeselligkeit noch lehrreiche Unterhaltungen, nicht Freiheit noch Reichthum — nicht ein-mal ein Kampf, ein ehrlicher Kampf um ihr Dasein, denn der Feind, der beständigauf der Lauer liegt, den er stets zu fürchten hat, und doch nicht fliehen, nicht besiegenkann, ist ebenso wachsam als tückisch und stark. — Bei einfachen Ucberschwemmungensteigen die Wogen zu den Werften empor, sie klopfen an die Wände und Fenster derHäuser und begehren gebieterisch Einlaß, sie klettern hinaus bis zum Strohdach und ver-schwinden dann wieder. — Wenn aber die wilde Sturmfluth sich naht, zugleich mit derFluth auch der Sturm noch tobt und die empörten Wogen zur wildesten, ungcbändigtenWuth anstachelt, so ist kein Kampf, keine Rettung mehr möglich — nur ohnmächtiges,widerstandsloses Unterwerfen ist dann geboten. — Höher und höher steigen die Wasser,der Erdhügel wankt, die Pfeiler und Balken des Hauses erzittern, Alles rettet sich aufden Boden des Daches, doch auch dieser gibt endlich der verheerenden Wucht der Sturm-fluth nach, die in den untern Theilen des Hauses bereits die ganze Habe zerstört, zer-trümmert, von dannen geführt. — Nimmt die Geivalt des Sturmes nicht ab, so ist inwenigen Minuten Alles rettungslos verloren, dem Tode geweiht — die letzten Pfeilerwanken, stürzen zusammen, sinken in das tiefe Meer, mit ihnen die Menschen, welcheeinstmals hier gewirkt, gelebt, gesehnt, gehofft, geliebt und gelitten. —
Das ist die Heimath, das gar oft das Ende eines Halligbcwohncrs. —
„Kiudlein in des Meeres Wiege,
Eiland au der Wellen Brust,
Wo der Mensch schifft kalt vorüber,
Wo der Engel wohnt mit Lust."
hat einmal ein Dichter gesungen von dieser „untergehenden Inselwelt", denn das sinddie Halligen. — Mit unermüdlicher, bald gewaltsam, bald langsam andringender Be-harrlichkeit verschlingen die grausamen Wellen allmählig die Neste dessen, was noch übriggeblieben. — Und doch liebt der Halligbcwohner seine Heimath nicht minder, als derSchweizer sein schönes Vaterland, liebt sie mit unverbrüchlicher Treue, hängt mit allenFasern des Herzens an seinem gefahrvollen, traurigen, trügerischen Vaterlande. — Ober auch andere, schönere, bessere Länder kennen lernte, stets zieht es ihn nach derHeimath zurück. — Zu ihr kehrt er zurück, sobald es sein Geschick ihm nur gestattet,dort baut er sich an — immer und immer wieder, und kommt die wilde Fluth, ver-treibt ihn, überschwemmt, zerstört sein Haus, raubt ihn: die Habe und läßt ihm nichtsals nur das nackte Leben — zu ihr kehrt er zurück und baut sein Nest auf ganz genaudenselben Fleck hin wie zuvor — dort lebt er und beschließt er seine Tage, bis endlich„der blanke Hans" mit zähester Ausdauer doch Herr des Platzes wird.
Dann erst werden auch die letzten, noch erhaltenen Spuren verwischt, verweht seinvon den Halligen, „den Augen des Meeres."
Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag desLiterarkschcn Instituts von Dr. M. Huttler.