Ausgabe 
(13.11.1880) 39
 
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von ihr genommen, und Röschen hörte nur still lächelnd zu. Am Abend kam der Försteraus dem Walde, und nun blieben wir noch lange beisammen, bis der Mond hoch amHimmel glänzte. Ich kam des andern Tages wieder und jeden folgenden Tag. Bettinablieb auch; ich wurde jeden Tag vertraulicher mit ihr, so das; ich indes; nicl^ merkte, wieRöschens Wangen anfingen bleicher zu werden. Da kam der letzte Tag der Anwesen-heit Bettina's. Ich hatte das geistreiche übermüthige Mädchen, das stets voll Neckereienund toller Streiche war, liebgewonnen, ja mich zu sehr in die schwarzen Augen vertieft.So saßen wir die letzten Stunden allein in der Laube, denn Röschen war in's Dorfgegangen, einem kranken Holzhauer stärkende Speisen zu bringen. Bettina war stiller,wie sonst, ihre Stimme klang weich, fast wehmüthig. Sie sprach davon, wie glücklich ichbald sein werde, wie sie wohl oft an mich denken und wie ich sie bald vergessen werde.Nein das werde ich nie", rief ich betheuernd aus und küßte sie. Da grollte draußenferner Donner, und ein Blitzstrahl erhellte grell die Laube, und vor uns stand Röschen,bleich und mit den blauen Augen mich groß anschauend. Mit einemmale war ich wiedererwacht von meinem wilden Taumel, der mich plötzlich erfaßt, und von Scham über-wältigt, stürzte ich Röschen zu Füßen. Doch sie war fort. Sinnenlos stürzte ich fort,nicht achtend, daß drohend schwarzes Gewölks den Himmel bedeckte. Bald brach auchdas Unwetter mit furchtbarer Wucht los. Der Sturm wüthete, daß die Tannen ächztenunter seiner Kraft, grelle Blitze erleuchteten der Wald, der Donner krachte und ein wahrerWolkenbruch rauschte hernieder. Doch was kümmerte mich all' das. Ich sah nurRöschens bleiches Gesicht und die ernst mahnenden blauen Augen. So irrte ich imWalde umher, und das Gewitter hatte längst aufgehört, als ich ganz durchnäßt nachHause kam. In jener Nacht habe ich kein Auge zugethan, und erst am Morgen über-fiel mich ein wohlthuender Schlaf, aus dem ich erst gegen Mittag erwachte. Ich mußtebleich ausgesehen haben, als ich zu Tische kam, da mich der Onkel sorglich fragte, ob ichdenn krank sei. Ich gab eine ausweichende Antwort und zagenden Herzens machte ichmich Nachmittags auf den Weg in den Forst. Im Forsthause war Niemand anwesend,als der Jägerbursche, der sagte, der Förster sei in dienstlichen Angelegenheiten in dieResidenz gereist und Röschen sei mit Bettina ebenfalls dahin abgegangen, um längereZeit dort zu verweilen. Ich sah nun, daß ich mein Spiel verloren und mein Glückleichtsinnig verscherzt hatte. Ich ging betrübt fort, und im Walde warf ich mich in'skühle Moos und mußte bitterlich weinen.

Ich verweilte in Grünthal noch einige Tage, die ich dazu benützte, durch den Waldzu streifen und meinen trüben Gedanken nachzuhängen. Dann packte ich meine Effektenund ging an meinen neuen Bestimmungsort ab, wo ich als Arzt meine Praxis eröffnete.Ich schrieb einigemale an Röschen Briefe, worin ich flehentlich um Verzeihung bat. End-lich kam die Antwort, sie habe mir verziehen, jedoch seien wir vor der Hand geschieden,sie wolle meinem anderweitigen Glücke nicht im Wege stehen und die Zeit müsse erstlehren, ob meine Gesinnungen von Dauer seien. Alle weiteren Briefe kamen uneröffnetzurück. Was ich den Winter über gelitten und geduldet, das weiß Gott allein.

III.

Der Winter war vorüber und die ersten Blümlein sproßten. Es war Osterzeit.Die Feiertage, wollte ich bei meinem Onkel zubringen, und nicht ohne Hoffnung, auf einZusammentreffen mit Röschen reiste ich ab. Der'Onkel empfing mich ernster als sonst;er wußte wohl um das, was zwischen mir und Röschen vorgefallen war. Als wir beiTische saßen, bemerkte der Onkel, er würde Nachmittags in das Forsthaus gehen, daRosa schwer, zum Sterben schwer krank sei. Ich solle ihn begleiten. Was ich dem-Onkel antwortete, weiß ich nicht; ich kann mich nur noch erinnern, daß es mir dunkel

vor den Augen wurde und ich Mühe hatte, nicht über den Stuhl hinabzugleiten. Nach

Tisch machten wir uns auf den Weg. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Der

Onkel war schweigsam, und ich war vollends zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als dqH