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ich an das Reden gedacht hätte. Unter der Thüre des Forsthauscs erwartete uns odervielmehr den Onkel schon der Vater, der uns stumm die Hände reichte. Der sonst starkeMann hatte Thränen im Auge. Der Onkel betrat das Krankenzimmer und hieß michwarten. Nach einer Viertelstunde, die mir eine Ewigkeit dünkte, kam er heraus undsagte mir, Rosa wünsche mich allein zu sprechen. Mit welchen Gefühlen betrat ich denmir heiligen Raum. Da lag das einst so blühende, liebliche Wesen bleich und abgemagertauf seinem Schmerzenslager; nur zu gut sah ich, daß das theure Leben am Erlöschensei. Nur die Augen leuchteten wie sonst milde und seltsam klar. Ich kniete nieder undbenetzte die dargebotene Hand mit heißen Thränen. Röschen redete freundlich, tröstetemich und sagte, wie sie mich noch immer liebe. Ich war trostlos und weinte in namen-losem Schmerze. Sie sagte lächelnd: „Theodor, jetzt weiß ich's, daß Du mich noch liebst,vergiß mich nicht, wenn ich nicht mehr bin." Dann zuckte eS seltsam um ihre Lippen,ihr schönes Auge blickte mich fragend und ängstlich an. Dann lächelte sie mich an undblickte auf das Crucifix , das sie krampfhaft in der linken Hand hielt. Ich war ängstlichaufgesprungen und hatte sie umfaßt. Ich hielt einen kalten Körper in meinen Armen,Ruhig war ihr sanfter Geist entschwunden. Ein leiser Windhauch fuhr durch die Linde,die mit ihren grünen Zweigen zum Fenster hcrcinnickte. Drunten im Garten flöteteeine Amsel ihr erstes Frühlingslied. Mir drohte es das Herz zusammenzuschnüren, dannschwindelte es mir vor den Augen, und bewußtlos brach ich zusammen.
Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einem Zimmcr des Pfarrhauses. DerOnkel saß an meinem Bette. Er drückte mich sanft in die Kissen zurück. Allmäligkam mir das Geschehene zum Bewußtsein. Ich wollte ausstehen und sie noch einmalsehen. Ueber die sanften Züge des Onkels glitt ein schmerzliches Zucken und traurigsagte er: „Armer Junge, Du hast lange geschlafen, Röschen ruht schon zwei Tage drübenauf dem Kirchhofe." — Da zog wildes Weh durch mein Herz und weinend sank ichzurück. —
Nur langsam erholte ich mich wieder. Ein Ncrvenfieber hatte mich an den Randdes Grabes gebracht, nur die Jugendkraft hatte Widerstand geleistet. Als ich endlich,noch immer schwach, das HauS verlassen durfte, war mein erster Gang auf den Fricdhof.In einer traulichen Ecke hatten sie Röschen gebettet, auf ihrem Grabe blühten die erstenRosen, eine junge Tanne beschattete den Hügel, in dem auch mein Glück begraben lag.Lange blieb ich dort bei dem theuern Hügel und hätte am liebsten auch gleich mein Hauptniedergelegt zum Sterben. Doch habe ich damals gelobt, ihrem Grabe stets nahe zubleiben, und ich hab's auch so gehalten. Als ich wieder hergestellt war, kaufte ich mirin Grünthal ein schmuckes Häuschen und eröffnete meine Praxis. So bin ich jetzt schonüber dreißig Jahre einsam geblieben, und zu dem ersten Grabe sind noch zwei gekommen,die mir theuer sind, das Grab des Försters und das meines Onkels. Ich hüte sie treuund sobald der Frühling immer kommt, sprossen unzählige Blumen auf den theuernGrabeshügeln. Jeden Abend gehe ich hinüber, dort zu beten, und da rauscht es manch-mal seltsam durch die Aeste der Tanne über Röschens Grab, und das kommt mir stetsvor. wie ein Gruß von ihr. So warte ich denn, bis sie auch mich begraben unter dergrünen Tanne und ich vereinigt werde mit meiner todten Braut, mit Röschen.
Reisebilder aus der Herzegowina.
Es war im Monate Dezember 1878, als ich nach einer stürmischen Seereise aufdem adriatischcn Meere über Spalato und Eign in dem auf dem Gebirge Prologgelegenen Bilibrig ankam, um mich durch den in diesem Gebirge gleichnamigen Paß nachLivno zu begeben.
Die Straße von Spalato bis Bilibrig läßt nichts zu wünschen übrig, bis hieherhatte ich auch den Weg per Wagen zurückgelegt: sobald man aber die dalmatinischeGrenze bei der auf der Höhe des Bergrückens gelegenen (sonst türkischen) Palanke Prolog