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Im Thale war die Temperatur bedeutend niedriger als gestern auf dem Prolog,und Sturm und Schneegestöber hatten heiterem, ruhigem Wetter Platz gemacht; Wasserund Sümpfe waren unter dem Schnee nur mit einer dünnen Eisdecke bedeckt, so daßdie Pferde fast bei jedem Schritte einbrachen, und wären die beiden Türken nicht alsFührer vorausgeritten, ich hätte wohl kaum Livno erreichen können, da der Weg mitSchnee bedeckt und durch gar nichts markirt war; so mancher Reiter sammt Pferd isti„ diesen Sümpfen schon versunken, um nie mehr das Licht der Sonne zu schauen.
Oft begegneten wir langen Karawanen von schwer mit Gütern beladenen Thieren,welche unter ihrer Last kaum fortkamen, die Treiber oft noch auf dem schwer bepacktenschwachen Thiere selbst sitzend; der Türke preßt die letzte Kraft aus dem armen, fastimmer schlecht genährten Thiere erbarmungslos aus, häufig sah ich verendende undbereits verendete Thiere. Welch einen großen Wirkungskreis würden hier Thierschutz-vereine finden!
Die Scenerie bietet sehr wenig Reize; der Horizont ist von Gebirgen begrenzt,welche beinahe bar aller Vegetation sind; auf den Feldern ist kein Baum zu sehen, anden Sümpfen hie und da einige verkümmerte Weiden und in den sehr spärlichen Ort-schaften und bei einzelnen Hütten wenige verkrüppelte, kümmerlich aussehende Obstbäume,überall aber Schmutz und Verwahrlosung. Die Gebäude sind größtentheils von Flecht-werk, theilweise mit Lehm angeworfen und mit Stroh gedeckt, oft nur Ruinen; die Be-wohner zerfetzt, armselig und verkommen; der Eindruck, den Türkisch-Kroatien auf michmachte — denn dieses war eS, welches ich eben betreten hatte — war ein sehr trüber;ich glaubte mich nach Asien versetzt, so fremdartig berührt Alles, dem man in diesenGegenden begegnet.
Nachdem wir mehrere Stunden marschirt, zeigte mir Ibrahim, einer meiner beidenTürken, mit fröhlichem Antlitze seine Heimath Livno, das gelobte Land, wo ich zeitweiligmeinen Aufenthalt nehmen sollte. Wir ziehen in einem Thale gegen Westen dahin,welches zu beiden Seiten, von Norden und Süden, von hohen, kahlen, der Karstformationungehörigen Gebirgen begrenzt ist; diese Gebirge werden nur durch das Severano Blato(nördlicher Sumpf) durchbrochen, welcher sich viele Meilen weit gegen Nordost und Süd-west erstreckt und durch die Niederschlüge aus den angrenzenden Karstgebirgen gespeistwird. Der Weg führt über die Bäche Brina, Stadba und Bistrica, welch letzerer indem Livnoer Gebirge entspringt; die steinernen Brücken, welche hier angebracht sind,ohne Geländer oder Schutzmaucrn. Ueberhaupt sind sowohl Brücken, als Straßen unhWege in Bosnien mit Ausnahme jener, welche durch unsere Truppen hergestellt wurden,im elendesten Zustande; die einzige Brücke über die Bistrica vor dem Eingänge nachLivno ist europäisch d. h. gut, und wurde durch die in Livno stationirte Geniecompagniehergestellt. Auf den meisten anderen Brücken können kaum zwei Menschen, geschweigedenn Pferde nebeneinander gehen; zudem ist das Steinpflaster elend, aus unbehauenen,spitzen Steinen, sogenannten Katzenköpfen, hergestellt, so daß die Passage besonders zuPferde oder Wagen, wirklich oft lebensgefährlich ist, da ein falscher Tritt, namentlichzur Winterzeit, den Sturz beinahe unausweichlich macht.
Von der Ferne gesehen, macht die Stadt Livno, wie die meisten Städte des Orientes,mit ihren zahlreichen schlanken Minarets, ihrem auf der Anhöhe gelegenen Schlosse einenhöchst malerischen Eindruck, man glaubt sich ganz in den Orient versetzt; der größteTheil der Stadt steigt hoch an den Felsen hinauf, die Häuser sehen, durch das Binoclebetrachtet, sehr sauber und zierlich aus — meine Türken waren des Lobes voll; ich freutemich bereits nach meiner beschwerlichen Reise auf ein gutes Unterkommen, aber wie baldsollte ich von der Wirklichkeit belehrt werden, wie sehr der äußere Schein trügt.
(Schluß folgt.)