314
auch in der Metropole guten Klang erhalten, und so wagte der junge Arzt die Ueber-sicdelung, da er sich mächtig nach einem umfangreicheren Arbeitsfelds, nach Verwerthungseiner geistigen wie körperlichen Kräfte und Fähigkeiten, nach der Lebenslust der Groß-stadt sehnte. Er vertraute sein Lebensschifflein mnthig dem großen Strome an, dessenWogcngebraus bisher nur aus weiter Ferne an sein Ohr geschlagen; er gründete sichinmitten des betäubenden Straßenlärms ein stilles, kleines Heim, welches wie eine Oasein all dem Wirrwar lag — und dann begann das neue Leben. Einige gute Kuren,dem jungen Arzte vom Zufall in die Hand gespielt, machten, daß er bald nicht mehrvöllig ohne Patienten war. Es war nicht so sehr Neuerungssucht, als die Ueberzeugung,an Stelle einer alten, überlebten, eine der Zeit entsprechende, junge frische Kraft inDoktor Acton gefunden zu haben, welche die Gregory's veranlaßt hatte, den Wechselvorzunehmen. Man konnte Mr. Acton eine frappirende Prägnanz der Diagnose, einegroße Gewissenhaftigkeit in der Behandlung seiner Kranken nicht absprechen. Man ge-wann im ersten Augenblick Vertrauen zu ihm und die bisherigen Erfahrungen hattengelehrt, daß es durchaus rathsam sei, sich den Vorschriften des überaus sicher und ener-gisch vorgehenden Arztes unbedingt zu unterwerfen. „Wir haben uns niemals so wohlgefühlt, als in diesen letzten Monaten", sagte Tante Taböa, die Schwester der Mrs.Gregory gelegentlich zu den Harland's — „das will sagen, seit Doctor Acton unserLeben systematisch regulirte. Seit er unser Hausarzt ist."
„Das freut mich", lautete Mabel's kühle Entgegnung. „Wir sind mit DoktorHepkins noch immer recht zufrieden, und befinden uns Gott sei Dank unter seiner.Für-sorge auch recht wohl."
„Aber Mabel, Du mußt doch zugeben, daß Mr. Acton eine ganz andere Persön-lichkeit ist, als der fuchshaarige, alte HepkinS. Und ein wenig möchte man doch auchäußerlich sympathisch berührt werden von einem Manne, welchem so unbeschränkt aus-und einzugehen gestattet ist, wie dem Hausarzt l" sagte die kleine, blonde Miß Gregory,sich einmischend.
„Mag sein, Ellen, ich habe das Bedürfniß, von welchem Du sprichst, noch niemalsempfunden. Hauptsache ist und bleibt ja aber, daß Mr. Acton Euch als Arzt viel giltund nützt."
„Außerordentlich viel, Mabel. Ich kann Dir nur rathen, in ernsten Fällen —vor denen Euch der Himmel bewahren möge — Dein Vorurtheil zu überwinden undActon zu Rathe zu ziehen. — — Was ich noch fragen wollte —: Besuchst Du heutedas Theater, Mabel? Wir werden die Granelli hören."
„Ich habe die Absicht. Treffen wir uns dort?"
„Vielleicht. Und Montag, Liebste, rechnen wir sicher auf Euch für den Abend! —— Leb wohl! — —"
Der Montag Abend vereinigte wieder wie allwöchentlich den kleinen Kreis dernäheren Bekannten der Gregory's. M. Lewis Acton befand sich selbstverständlich auchdarunter. Der junge Arzt hatte den Vorzug, bei Tisch Miß Mabel Harlnnd gegenüberzu sitzen. Er war sich bewußt, noch niemals mit einem vollen Blick seitens der kaltenSchönheit beehrt worden zu sein, und durfte deshalb seinen Augen — diesen ernsten,gedankenvollen, fast ein wenig melancholischen, grauen Augen — furchtlos gestatten, aufdem stolzen, südlich-blassen Mädchenantlitz auszuruhen, dessen dunkle, fremdartige Schön-heit ihn bereits gefangen genommen, da er ihm zum ersten Mal gegenüber gestanden.Er versuchte eben, sich diese stolzen, reinen Züge beseelt durch ein von innen Heraus-strahlendes Licht vorzustellen, als Mr. Gregory's Stimme seine wachen Träumereien einjähes Ende bereitete. „Bitte, Acton — wollen Sie Miß Harland von jenem Bordeauxeinschenken? Die Flasche steht vor Ihnen." Acton beeilte sich, der Aufforderung Folgezu leisten.
Miß Harland streckte nachlässig die Hand mit dem Glase aus; sie hielt es an-scheinend nicht für der Mühe werth, ihre Augen bis zu dem Gesicht des jungen Mannes